AKTUELLE NEUERSCHEINUNG

Killerfrauen
Deutschlands bekanntester Serienmordexperte
klärt auf


Taschenbuch
240 Seiten / 12,4 x 2 x 19 cm
ISBN 978-3426788660
€ 9,99


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Leseprobe

() Zehn Minuten später steigt Maria Morata zu ihrem Freund in den Wagen. Heftige Umarmung. Leidenschaftliche Küsse. Angstvolle Blicke. Sie müsse noch heute zu ihrer Familie nach Barcelona fliegen, behauptet Maria, etwas Schreckliches sei passiert, sie könne nicht darüber sprechen - "Das musst du mir glauben!" -, sie wolle ihn doch nur beschützen. Außerdem müsse er das Geschäft von nun an alleine weiterführen, sie sei dazu nicht mehr fähig, alles habe seinen Preis, sie sei körperlich am Ende. Herbert glaubt seiner Freundin kein Wort. Und er stellt Fragen: "Warum willst du mir das Eiscafé überschreiben, wenn du doch nur für ein paar Tage nach Spanien fliegst? Was soll das? Wovor oder vor wem willst du mich beschützen? Warum die Eile? Was ist überhaupt passiert?"
Maria Morata schaut an ihrem Freund vorbei auf das eingezäunte Flughafengelände und schweigt. Herbert wird lauter: "Denk doch mal an unser Kind!" Es seien fürchterliche Dinge passiert, stammelt Maria, es habe so viele Missverständnisse gegeben, selbstverständlich hätte sie wesentlich früher mit ihm darüber reden sollen, doch jetzt sei nicht der richtige Zeitpunkt. "Vertrau mir!" Flehentlicher Blick. Unerhört und unerwidert. Der Versuch einer zärtlichen Berührung. Kein letzter Kuss. Maria Morata steigt aus, Herbert fährt weg.
Wenn sie am Flughafen in Paris ankommen sollte, würden wohl die Handschellen klicken, befürchtet Maria Morata; und falls doch nicht, wären spätestens bei der Ankunft in Mexiko Polizisten zur Stelle, würden sie mitnehmen und ins Gefängnis stecken. Dann wäre es unwiderruflich vorbei mit ihrem Traum vom Familienglück, geplatzt wie ein prall aufgeblasener Luftballon, in den man mit einer Nadel hineinsticht - peng!
Also Plan B. Neues Ziel, neue Klamotten. Minikleid und Stöckelschuhe sind dafür zu auffällig, Maria Morata kauft sich in einer Boutique am Flughafen neue Kleidung und versteckt ihr Gesicht hinter einer großen Sonnenbrille. Italien! Dass sie mit dem Taxi dort hinfahren will, darauf wird niemand kommen, hofft sie, alle Welt wird sie in einem Flugzeug vermuten, vielleicht in einem Zug oder auf einem Schiff, aber keinesfalls in einem Taxi.

Falscher Verdacht. Falsche Fährte. Die Kripobeamten haben an Gate 82A vergeblich auf die mutmaßliche Serienmörderin gewartet. Die "Air France"-Maschine ist ohne Maria Morata abgeflogen. Wo sich die Gesuchte in der Zwischenzeit aufgehalten hat, offenbaren wenig später die Aufnahmen verschiedener Überwachungskameras des Flughafens.
17.19 Uhr: Sie verlässt das Flughafengebäude.
18.04 Uhr: Sie kehrt in das Flughafengebäude zurück.
18.13 Uhr: Sie betritt ein Bekleidungsgeschäft.
18.29 Uhr: Sie verlässt das Geschäft mit einer Einkaufstasche und trägt eine Sonnenbrille.
18.38 Uhr: Sie besteigt ein Taxi.

Und danach verliert sich ihre Spur. Während die nun auch in die Öffentlichkeit getragene Fahndung nach Maria Morata erfolglos verläuft, kommen die Kriminalisten andernorts besser voran. Denn: Die noch fehlenden Leichenteile des zweiten Opfers sind mittlerweile in einem Kühlschrank aus dem Kellerabteil entdeckt worden, der Getötete hat nun eine bürgerliche Identität: Holger Brandt, 38 Jahre alt, studierter IT-Experte, beschäftigt bei einem namhaften Telekommunikationsunternehmen. Es handelt sich zweifelsfrei um den geschiedenen Ehemann der Mordverdächtigen. Und auch die mutmaßliche Tatwaffe haben die Ermittler bei einer Durchsuchung der Wohnung Maria Moratas inzwischen gefunden - eine Pistole der Marke Beretta, Kaliber 22. Sie soll einmal Manfred Oberleitner gehört haben, so steht es jedenfalls in den Akten der Genehmigungsbehörde.
Es ist ein Kampf gegen die Uhr. Je mehr Zeit vergeht, desto größer werden Maria Moratas Chancen, der Kripo zu entkommen. Und falls es ihr gelingen sollte, ein Land zu erreichen, das sie nicht ausliefern würde, dann wären den Ermittlern die Hände gebunden. Stunde um Stunde verstreicht, doch es kommen keine Hinweise auf Maria Morata.
Erst am nächsten Tag gibt es plötzlich eine heiße Spur, als sich den Ermittlern mittags ein Taxifahrer vorstellt, der die Gesuchte bis nach Italien gefahren haben will. Der Mann beschreibt seinen mysteriösen Fahrgast so: "Sie hatte schulterlange, lockige, blonde Haare, trug eine weiße Bluse und eine militär-grüne Hose. Eine wirklich sehr hübsche Frau."
Erst nach etwa einer Stunde Fahrt sei man ins Gespräch gekommen, Maria Morata habe dabei erwähnt, im dritten Monat schwanger zu sein, sich aber von ihrem Mann getrennt zu haben. Kurz vor der italienischen Grenze sei der Fahrpreis neu verhandelt worden, weil die Frau zunächst ein anderes Reiseziel in Österreich angegeben habe. Auf Nachfrage der Beamten erklärt der Taxifahrer, er habe sich auch den Pass der Frau aushändigen lassen, deshalb bestehe kein Zweifel daran, dass es tatsächlich Maria Morata gewesen ist. "Komisch war, dass sie mir nicht den Pass geben, sondern nur das Bild zeigen wollte. Darauf habe ich mich aber nicht eingelassen."
Gegen Ende der Fahrt sei er misstrauisch geworden, als die Frau ständig das Fahrtziel geändert habe. "Und dann hat sie gesagt, dass sie von der Polizei gesucht wird. Darum wollte ich sie nur noch loswerden." Schließlich habe er sie kurz darauf in der grenznahen 1000-Seelen-Gemeinde Cavazzo (Provinz Udine) an einem Hotel abgesetzt. Noch während der Rückfahrt sei ihm die Brisanz der vorherigen Begegnung vollends bewusst geworden, als im Radio über die Leichenfunde berichtet und auch der Name der Gesuchten genannt worden sei. "Da wurde mir ganz anders."
Der Taxifahrer übergibt den Beamten schließlich noch einen Brief, den Maria Morata ihm in die Hand gedrückt hat und der für Herbert Knaus bestimmt gewesen ist. "Mi amor, ich werde mich bei dir melden", schreibt die Flüchtige darin, "sobald es mir irgendwie möglich ist. Ich liebe dich über alles und passe auf unser Kleines auf. Te quiero. M."
Da man nun mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen kann, dass sich die Mordverdächtige in Italien aufhält, werden nicht nur die dortigen Behörden informiert, sondern auch die Öffentlichkeit.

Maria Morata ist nach einer unruhigen Nacht früh auf den Beinen. Während sie die Hotelrechnung begleicht, erkundigt sie sich nach dem Weg zum Busbahnhof und erklärt ungefragt, ihr Mann sei aus beruflichen Gründen bereits nach Udine vorgefahren, und sie wolle ihm nun folgen. Die Unterredung wird zufällig von einem älteren Herrn mitgehört, der Maria Morata spontan anbietet, sie in seinem Auto mitzunehmen, denn er fahre auch nach Udine. Abgemacht.
20 Minuten später. Im Stadtzentrum von Udine lässt der Mann Maria Morata aussteigen. Kurz darauf sitzt sie in einem Internet-Café aufgeregt vor dem Bildschirm eines Computers und googelt. Sie will wissen, wie weit die Polizei bei den Ermittlungen ist, ob ihr Gefahr droht. Die Schlagzeilen sprechen für sich: "Keller-Mord: Erste Leiche identifiziert", "Nach grausigem Fund in Keller: Kopf weiterer Leiche entdeckt", "Konten geplündert und Flug gebucht?", "Die grausamen Taten der Maria Morata", "Weltweite Fahndung nach Serienmörderin".
Nachdem sie die Fahndungsfotos im Internet gesehen hat, geht Maria Morata kurzentschlossen zum nächsten Friseursalon, lässt sich die Haare kürzer schneiden und dunkelbraun färben. Mit dieser Aufmachung soll sie niemand mehr erkennen können. Doch was nun? Missmutig verlässt sie das Café und stromert ziellos durch die Stadt.
Am späten Vormittag sitzt sie, vollkommen in Gedanken, auf einer Parkbank, und lässt ihr verpfuschtes Leben Revue passieren: die freudlose Kindheit in Mexiko, die ersten negativen Erfahrungen als Teenager mit jungen Männern, die schwierige Zeit in Spanien, die dramatisch gescheiterten Liebesbeziehungen, der zweieinhalbjährige Aufenthalt in Deutschland, danach Österreich, Holger, Manfred, Herbert, das Baby! Ein Scherbenhaufen, ein Desaster. Maria Morata überlegt ernsthaft, ob und wie sie sich das Leben nehmen soll. Warum einen Kampf fortführen, der nicht zu gewinnen ist? Warum nicht besser allem ein Ende setzen? Ein Schnitt Ein Schuss Ein Sprung Vorbei! Erlösung! Endlich frei!
Denk an das Baby! Erst als Maria Morata sich ihrer Verantwortung dem ungeborenen Kind gegenüber bewusst wird, schöpft sie neuen Lebensmut, neue Hoffnung, trotzig vertraut sie darauf, dass es mit ihr schon weitergehen wird, irgendwie eben. Damit ihr dies auch gelingt, muss sie möglichst schnell einen Mann finden, der sie mag, der ihr vertraut, der ihr behilflich sein will, bei dem sie unterkommen kann und der keine Gefahr darstellt. Besonders wählerisch darf sie dabei aber nicht sein.
Und so fällt ihr Blick auf einen Mann, etwa Mitte 20, der wenige Meter von ihr entfernt unbeachtet Gitarre spielt: ein verkrachter Straßenmusikant, der so aussieht, als würde er, wie sie auch, am Rand der Gesellschaft stehen, ein hagerer Typ in zerlumpten Klamotten mit langen, zotteligen, verfilzten Haaren, die größtenteils von einem löchrigen Strohhut verdeckt werden. Maria Morata geht auf den Mann zu, ein Wort gibt das andere. Kontakt. Costa heißt er und spricht sogar ein wenig Deutsch.
Maria Morata verwickelt den Mann schnell in ein Gespräch, sie will, sie muss ihn für sich gewinnen, wie immer, wenn sie in Not gerät, mit einer skurrilen, mitleiderregenden Räuberpistole. Und die geht so: Sie sei vor kurzem von ihrem Ehemann schwer misshandelt worden und in Panik aus dem Haus geflüchtet, empört sie sich mit stockender Stimme und Tränen in den Augen, ohne Ausweispapiere und mit nur 130 Euro in der Tasche sei sie einfach fortgelaufen; während der letzten Tage habe sie nicht einmal duschen können, es sei die Hölle auf Erden, zudem müsse sie in ständiger Angst leben, denn ihr Mann, ein hochrangiger und einflussreicher Polizist, würde gewiss bereits nach ihr suchen und könne urplötzlich auftauchen, jederzeit, überall, das wäre wohl das Ende, denn sie müsse ernsthaft befürchten, er könne die Beherrschung verlieren, wie so viele Male zuvor schon, und ihr etwas antun; sie habe sogar schon darüber nachdenken müssen, ihm zuvorzukommen und sich das Leben zu nehmen. "Darf ich bei dir übernachten?" Costa nickt spontan.
Der ungepflegt wirkende Mann wohnt im 6. Stock eines Plattenbaus am Rand der Stadt. Die beengte Behausung ist nahezu komplett zugemüllt, Ratten und Ungeziefer machen sich über die am Boden liegenden Nahrungsmittelreste her, es stinkt erbärmlich. Maria Morata möchte am liebsten sofort kehrtmachen, doch es gibt keine Alternative.
Ihr erster Weg führt sie auf die schmuddelige Toilette. Ihr Spiegelbild zeigt ein eigentümlich verzerrtes, maskenhaft wirkendes Gesicht: müde, ausdruckslose, tiefliegende Augen, starrer Blick, ein körperlich erschöpfter, sozial und zwischenmenschlich gescheiterter Mensch, an sich selbst (ver)zweifelnd, von Gedanken an Selbstmord verunsichert. Perspektivlos. Erst als Maria Morata die Hände behutsam auf ihren Bauch legt, hegt sie einen Hauch von Hoffnung: mein Kleines, mein Alles, wir schaffen das!
Nachmittags putzt sie Costas verdreckte Zwei-Raum-Wohnung, räumt auf, entsorgt den Müll, abends kocht sie für sich und ihren Gastgeber. Das ungleiche Paar isst von abgewetzten Holztellern, ohne Besteck, mit den Händen stopfen sie sich das Hühnerfleisch in den Mund, trinken dazu billigen Wein aus der Flasche.
Anschließend sitzen sie auf dem ramponierten Sofa. Costa will Maria Morata auf seine Art betören, wie hübsch sie doch sei, säuselt er, so ein attraktiver Körper, so schöne Beine, und ihr sexy Schmollmund, sie schaue aus wie Angelina Jolie. Costa rückt näher heran. "Komm, ich will dich ficken!"
Maria Morata ist angewidert. Am liebsten würde sie diesem Typ Gewalt antun. Bevor Costa sie angrabschen kann, erzählt sie ihm von ihrer Schwangerschaft, das gehe jetzt nicht, wendet sie ein, leider, dafür müsse er Verständnis haben. Hat Costa aber nicht. Er will Sex. Jetzt. Er wiederholt seine eindeutigen Absichten zwar nicht, doch sein Blick und seine Körperhaltung signalisieren genau das. Wahrscheinlich würde er sich etwas zurückhaltender geben, wenn er wüsste, dass er eine Frau begehrt, über die später der Staatsanwalt sagen wird: "Wer ihr im Weg stand, wurde weggeräumt." ()


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