"100 Prozent tot"
Das Phantom vom Grunewald

Gebunden mit Schutzumschlag / 320 Seiten / 13,5 x 20,8 cm
ISBN 978-3770014163
€ 19,95


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Leseprobe

Prolog

Die folgenden Ereignisse werden Jahre später vor allem eine Frage provozieren: Wann hört ein Mensch auf, Mensch zu sein?

Sonntag, 14. März 1982
Der junge Mann steht am Tresen und bestellt zum x-ten Mal "Veterano", einen Weinbrand, sein Lieblingsgetränk, dazu eine Tasse Kaffee. Er fällt in der Menschenmenge nicht weiter auf, obwohl er noch seine Berufskleidung trägt: schwarze Hose, weißes Hemd, schwarzes Jackett. Auf der etwa 30 Quadratmeter großen Tanzfläche geht es hoch her, der Laden brummt. Und "Die Flippers" singen lautstark ihren neuesten Hit "Wünsche fliegen übers Meer". Das gefällt ihm, das passt zu ihm. Wenn eine Frau in sein Blickfeld gerät, die ihm sympathisch erscheint, lächelt er freundlich. Mit einigen Damen hat er bereits getanzt, gesprochen, getrunken, geflirtet. Bei ihm geblieben ist keine. Das "Séparée-Zentrum" im Westberliner Ortsteil Charlottenburg ist eine Diskothek mit zweifelhaftem Ruf. Hier verkehren insbesondere Männer und Frauen jenseits der 40, die in erster Linie auf ein sexuelles Abenteuer aus sind, ohne selbst viel investieren zu müssen. Ein auffordernder Blick genügt, ein Wort gibt das andere - Kontakt. Das bunt gemischte Publikum schätzt vor allem deutsche Schlager. Obwohl er erst Anfang 20 ist, fühlt er sich in diesem Kreis deutlich älterer Menschen besonders wohl. Mit Gleichaltrigen weiß er nicht viel anzufangen, dort stößt er regelmäßig auf Unverständnis.

Heute Abend ist er in guter Stimmung. Abseits des Diskothekentrubels indes verhält es sich anders, grundlegend. Einer der Gründe für sein seelisches Dilemma: Kurz nach Karneval hat er sich von seiner Freundin getrennt. Er hat sogar die Polizei in die gemeinsame Wohnung bemühen müssen, um dort wenigstens an seine Habseligkeiten zu gelangen. Seine alkoholkranke Freundin hatte ihn ausgesperrt. Wenn auch die Trennung von ihm betrieben worden ist, so betrachtet er sich doch als gescheitert, fühlt sich als Verlierer. Wieder einmal. Schon allein seinetwegen hätte sie mit dem Trinken aufhören müssen. Wie konnte sie sich nur bei einem tollen Kerl wie ihm für den Alkohol entscheiden - und gegen ihn! Dieser überaus frustrierenden Erfahrung steht er hilflos gegenüber. Erst rekapitulierend, dann kapitulierend. Er weiß mit diesem niederdrückenden Gefühl nicht umzugehen, er kann nur darauf reagieren.

In solchen Momenten der Desorientierung und Desillusionierung flüchtet er sich in diese andere wundersame Welt, in der alles so unendlich viel schöner ist, lebendiger, aufregender, leichter zu erreichen. Obwohl er sich in dieses Paralleluniversum nur hineindenken kann, gibt es ihm Halt. Stundenlang kann er sich dort vergnügen, austoben, herrschen. Widerstände werden mühelos überwunden. Seine Opfer sind gesichtslose Wesen mit besonders intensiv ausgeprägten weiblichen Geschlechtsmerkmalen, die ihm ausgeliefert sein müssen, die er in bestimmten Positionen und Situationen sexuell demütigt. Nur diese dunklen Vorstellungen bereiten ihm wirkliches Vergnügen und echte Befriedigung.

Auch dieser Abend ist nicht so verlaufen, wie er es sich ausgemalt hat. Er hat viel Geld ausgegeben, viel getrunken, viel geredet, aber wenig erlebt und nichts erreicht. Es ist etwa 0.25 Uhr, als er seine Bemühungen, eine Frau kennenzulernen, aufgibt und die Diskothek verlässt. Sein Wagen steht unweit des Tanzlokals. Er ist müde und möchte jetzt nur noch nach Hause. Als er die Treppe vom "Séparée-Zentrum" hinuntersteigt, kommen ihm zwei junge Frauen entgegen und fragen ihn in gebrochenem Deutsch nach einer Pizzeria, die noch geöffnet hat. Er ist ein netter und hilfsbereiter Mensch. Deshalb muss er nicht lange überlegen und bietet den Mädchen spontan an, sie in eine nahe gelegene Pizzeria zu chauffieren - und zurück. Einverstanden.

Während der Fahrt kommt er mit den Frauen schnell ins Gespräch, die ihm bereitwillig erzählen, dass sie in Norwegen noch zur Schule gehen und ihre Abschlussfahrt sie nach Westberlin geführt hat. Die Mädchen, deren Alter er auf unter 20 schätzt, berichten ihm auch von ihren Eindrücken und Erlebnissen im "Quasimodo", einem stadtbekannten Jazz- und Musikkeller in der Kantstraße, den sie heute Abend besucht haben. Jetzt sind sie hungrig.

Fünf Minuten später erreichen sie die Pizzeria in der Lietzenburger Straße. Eigentlich will er draußen im Auto warten, doch dann spürt er, dass er zur Toilette muss, und geht mit in das Lokal hinein. Während die Mädchen einen Schwenk nach links zur Theke machen, schlendert er nach rechts an fünf Tischen mit jeweils vier Sitzmöglichkeiten vorbei in Richtung WC und erleichtert sich dort.

Als er zurückkommt, bemerkt er unter den etwa 15 Gästen eine Arbeitskollegin, die sich an einem Stehtisch angeregt mit einem Mann unterhält, und stellt sich dazu. Er nimmt einen Schluck vom Getränk seiner Bekannten und unterhält sich mit ihr und dem Unbekannten über Belangloses. Small Talk eben. Hin und wieder schaut er zu den Mädchen hinüber, um zu erfahren, wie es um ihre Bestellung steht.

Als er nach zehn Minuten mitbekommt, dass die Frauen bezahlen, verabschiedet er sich von seiner Kollegin und ihrem Begleiter, geht hinaus und wartet im Wagen. Wenige Augenblicke später kommen die Mädchen dazu, er hat die Beifahrertür bereits aufgestoßen. Die junge Frau mit dem auffallend dunklen Teint und den pechschwarzen Haaren setzt sich auf die Rückbank, ihre Freundin nimmt neben ihm auf dem Beifahrersitz Platz, die mit Silberpapier umwickelte Pizza legt sie auf ihren Oberschenkeln ab.

Er startet den Wagen, wendet und fährt auf die nächste beampelte Kreuzung zu, um dort in Richtung Kantstraße abzubiegen. Er ordnet sich aber falsch ein. Es dauert einen Moment, bis er dies bemerkt. Und genau in diesem Augenblick realisiert er noch etwas anderes: zwei Mädchen, mit denen ich etwas anstellen kann! Die vielleicht gar nicht zur Polizei gehen, wenn ich mit ihnen fertig bin, weil sie hier fremd sind. Er schaut kurz in den Rückspiegel. Leichte Beute!

Als die Ampel Grün zeigt, biegt er nach rechts ab. Die Mädchen bemerken nicht, dass er in die falsche Richtung fährt. Sie ahnen auch nicht, dass sie in seinen Augen bereits jetzt keine Touristinnen mehr sind - sondern nur noch Opfer eines Mannes, der sich an ihren Todesängsten berauschen will, der mit ihnen kein Mitleid haben wird, der sie leiden sehen möchte. Er weiß noch nicht, wo er mit den Mädchen hinfahren soll. Erst mal weg, einfach irgendwohin, entscheidet er. Es wird sich schon noch eine Möglichkeit ergeben. Er weiß aber sehr genau, was er seinen Opfern antun will. Und wie er dabei vorgehen wird.

Um seine Opfer abzulenken und arglos zu machen, beginnt er eine Unterhaltung, fragt, wo genau die Frauen in Norwegen wohnen, wie das Leben dort so ist, ob sie noch Geschwister haben, wann sie in die Heimat zurückkehren werden, wie es ihnen in Berlin gefallen hat und so weiter. Seine Opfer reagieren wie erhofft und beantworten bereitwillig jede seiner Fragen. So bekommen die Mädchen gar nicht mit, dass für den Mann, der bislang so hilfsbereit gewesen ist und der sich so nett mit ihnen unterhält, Straßennamen mittlerweile genauso bedeutungslos geworden sind wie Straßenschilder oder die Straßenführung. Sein Ziel ist auf keiner Straßenkarte verzeichnet und heißt Tatort. Ein solcher Ort kann überall sein, vielleicht eine Kiesgrube oder ein verlassenes Fabrikgelände.

Etwa einen Kilometer, nachdem er falsch abgebogen ist, bekommt alles um ihn herum einen neuen Sinn. Er sieht die Welt nun mit den Augen eines Täters. Er handelt wie ein Täter. Er ist ein Täter. Nur noch ein Täter. Alles andere in seiner Umgebung hat aufgehört zu existieren. Gedanklich schaut er sich in seinem Kofferraum um: Was habe ich dabei? Was kann ich davon gebrauchen? Das Radkreuz: vielleicht. Der Verbandskasten: ja! Das Warndreieck: nein.

Er starrt angestrengt durch die Windschutzscheibe in die Dunkelheit, nicht wissend, wo er sich befindet, wohin er fährt, einfach darauf vertrauend, dass er den Tatort schon erkennen wird, sobald er ihn sieht. Er hat immer noch keine konkrete Vorstellung davon, wohl aber eine Vorahnung: Wenn er dort ankommt, wird er es spüren, er wird es wissen. Es ist jetzt in ihm. Er lässt sich nur noch von seinem Jagdinstinkt leiten. Pure Intuition: gucken, wissen, handeln! Er ist in seinem Element. Er will Beute machen. Er will sich bemächtigen. Nichts kann ihn mehr davon abhalten.

Wenn seine Opfer wüssten, was er ihnen in dieser Nacht antun will, sie würden sich sogar aus dem fahrenden Wagen stürzen, nur um ihrem erbarmungslosen Peiniger noch zu entkommen. Er hat eine sehr präzise Vorstellung davon, welche unsäglichen Qualen den Mädchen bevorstehen sollen. So etwas macht er nicht zum ersten Mal. Vorfreude erfasst ihn. Er kann es kaum erwarten.

Er spürt, wie immer mehr Adrenalin in sein Blut schießt.
Es ist wie ein Rausch. Die Umgebung nimmt er nur noch schemenhaft wahr, suchend, abwägend, auf eine Gelegenheit lauernd. Es wird dunkler. Weniger Straßenbeleuchtung. Unwegsames Gelände. Keine befestigte Straße mehr. Schlaglöcher. Der Wagen rumpelt. Die Mädchen werden misstrauisch. Denn links und rechts neben ihnen tauchen im Scheinwerferlicht plötzlich Bäume auf. Warum das denn so lange dauert und wohin er mit ihnen überhaupt fahre, wollen die Mädchen wissen. Er lügt, wohl eine falsche Abzweigung genommen zu haben, und entschuldigt sich. Dann stoppt er den Wagen ohne ersichtlichen Grund.

Ich bin da!

Wortlos fasst er mit der rechten Hand unter den Fahrersitz.
Dort liegt seine Pistole. Griffbereit.

Es geht los!


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