Begegnung mit dem Serienmörder
Jetzt sprechen die Opfer

Gebunden mit Schutzumschlag
336 Seiten / 13,5 x 20,8 cm
ISBN 978-3-7700-1263-3
€ 19,95


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Leseprobe
KAPITEL EINS

Serienmörder und ihre Opfer sind zum Zeitpunkt der Tat keineswegs autark, sondern durch die Brücke der Gewalttätigkeit untrennbar miteinander verbunden - erst ihr Verhältnis zueinander und ihr Verhalten untereinander formen das Verbrechen.

Es passt einfach alles zusammen: Endlich Wochenende, die Sonne scheint vom nahezu wolkenlosen Himmel herab, angenehme 26 Grad, der Frühsommer hat nun auch Hamburg erreicht. Bianca Möbus und Bernd Hartung schlendern eng umschlungen durch den Öjendorfer Park, ein weitläufiges Waldgebiet zwischen den Außenbezirken Jenfeld und Öjendorf. Die frisch Verliebten sind auf der Suche nach einer abgelegenen Stelle, sie wollen allein sein und möglichst nicht gesehen werden. Bianca, gerade 24 Jahre alt geworden, wohnt noch bei ihren Eltern. Die bildhübsche, aufgeschlossene, unternehmungslustige junge Frau studiert Architektur und jobbt nebenher als Fotomodell. Ihr vier Jahre älterer Freund kommt gebürtig aus Köln und lebt seit zwei Jahren in Hamburg, wo er als Informatiker arbeitet.

Zu dieser Zeit kann das Pärchen nicht ahnen, dass es sich mit jedem Schritt einem Jagdgebiet nähert. Dieses Revier kennt und nutzt indes nur jener Mann, der sich dort regelmäßig aufhält, vornehmlich an Wochenenden, wenn Ausflugswetter junge Spaziergängerinnen, Joggerinnen oder Radfahrerinnen in den Wald lockt. Der Mann stellt diesen Frauen dort nach - um sie zu überfallen, zu foltern und zu vergewaltigen, falls erforderlich, auch zu töten.

Bianca und Bernd sind jetzt vielleicht noch zwei Kilometer von jenem Ort entfernt, den Ralf Hollerbach als Ausgangspunkt für seine Jagdausflüge nutzt. Sein Lagerplatz liegt abseits von Wald- und Wanderwegen, wird von Bäumen, Ästen und dichtem Gestrüpp umgeben und ist auch aus geringer Entfernung kaum auszumachen - ein idealer Unterschlupf. Gerade ist der 36-jährige Bürokaufmann damit beschäftigt, seine braune Einkaufstasche zu leeren. Zum Vorschein kommen eine schmuddelige Decke, ein blauer Jeans-Anzug, Turnschuhe; und schließlich sein Handwerkszeug: Gasrevolver, Machete, Schere, Schnüre, Heftpflaster. Er zieht seine Alltagsklamotten aus und die Jagdbekleidung an. Den Gasrevolver steckt er in den Hosenbund, die Machete befestigt er am Gürtel. Dann beginnt er seinen Beutezug.

Hollerbach läuft kreuz und quer durch den Wald, streift am Ufer des Öjendorfer Sees umher. Ihm begegnen auch einige Frauen, mal allein, mal mit Hund, mal in Begleitung. Doch er ist wählerisch, er hat exakte Vorstellungen von seiner Beute. Würde er sich eine Frau greifen, die nicht nach seinem Geschmack ist, er hätte keinen echten Genuss dabei. Es muss "Klick" machen, sein perverses Verlangen will ansprechend bedient werden. In all den Jahren hat er zudem gelernt, auf seine Chance zu warten - gespannt und gewaltbereit, vor allem aber geduldig.

Es ist gegen 18.30 Uhr, als Bianca und Bernd sich auf den Rückweg machen. Ein wunderbarer und erfüllter Tag neigt sich dem Ende entgegen. Als die beiden Hand in Hand Richtung Parkplatz marschieren, kommt ihnen Hollerbach entgegen. Er ist immer noch auf der Jagd. Er bemerkt das Paar, mustert es. Dann kleben seine Augen nur noch an Bianca. Sie sieht genau so aus, wie sie aussehen soll: dunkelblondes Haar, schulterlang, in der Mitte gescheitelt, hellblaue Augen, schlank, feminin. Genau diese Frau hat er im Kopf, wenn er phantasiert, wie sie sich gegen ihn verzweifelt wehrt, wie er sie auf dem Rücken eines Pferdes festbindet, wie er immer wieder mit einem Stock auf ihren nackten Po schlägt und wie er sie schließlich brutal missbraucht. Er will sie haben. Er muss sie haben. Jetzt!

Während Bianca und Bernd sich angeregt unterhalten und Hollerbach kaum wahrnehmen, schmiedet der einen Plan: das Pärchen erst vorbeilaufen lassen, dann sofort kehrtmachen, es von hinten ansprechen, mit dem Gasrevolver bedrohen, beide zum Lagerplatz verschleppen, den Mann fesseln - und dann sie!

Einige Augenblicke später. Hollerbach ist jetzt nur noch etwa fünf Meter hinter seinen Opfern. "Hey! Umdrehen!", zischt er. Bianca und Bernd drehen sich tatsächlich um.
Hollerbach richtet den Gasrevolver auf das Pärchen: "Keinen Mucks! Mitkommen!"
Bianca und Bernd schauen sich verdutzt an. Bernd versucht, die Situation zu entschärfen: "Mach doch keinen Blödsinn."
"Schnauze! Ich sag's nicht noch mal! Mitkommen!" Hollerbach kommt einen Schritt näher.
"Lass doch den Quatsch." Bernd hebt beschwichtigend die Hände. "Wir machen es so: Du haust einfach ab, und wir vergessen das Ganze. Okay?"
Hollerbach schweigt. Er steht einfach nur da. Ihm ist anzusehen, dass er nicht recht weiß, was er weiter tun soll.
Bernd erkennt die Unschlüssigkeit und die Unsicherheit des Unbekannten, der auch bewaffnet keine ernstzunehmende Bedrohung zu sein scheint. Er macht einen Schritt auf Hollerbach zu und wird energischer: "Es reicht jetzt! Mach bloß, dass du wegkommst!"

Plötzlich krachen drei Schüsse, kurz hintereinander. Hollerbach hat auf Bernd geschossen, der aber bleibt unverletzt und unbeeindruckt. Er versucht, nach Hollerbach zu treten. Der weicht einige Meter zurück und zieht wild entschlossen seine Machete: 58 Zentimeter lang, sieben Zentimeter breit, etwa 700 Gramm schwer. Bianca schreit einmal laut auf. Dann versagt ihr die Stimme.
Hollerbach will nicht nachgeben, nicht aufgeben, nicht jetzt, nicht so kurz vor dem Ziel. Nein! Er glotzt noch einmal kurz zu Bianca hinüber, sein Gesicht gerät zu einer grotesken Grimasse. Schließlich stürmt er unvermittelt und blitzschnell auf Bernd los und spaltet ihm mit einem wuchtigen Hieb den Schädel. Bernd stöhnt leise, hält eine Hand auf die stark blutende Wunde, versucht noch zu flüchten; Hollerbach aber setzt nach und stößt immer wieder zu, blindwütig, erbarmungslos. Auch als Bernd schon am Boden liegt und keine Gefahr mehr darstellt, Hollerbachs perversen Plänen nicht mehr im Wege stehen kann, hört er nicht auf. Er schlägt auf den Sterbenden ein, als würde er Holz hacken. Schon Sekunden darauf ist Bernd tot. Der Gerichtsmediziner wird später mindestens 20 erhebliche Hiebwunden im Bereich des Kopfes feststellen.

Hollerbach steht neben dem Toten und betrachtet ihn eine Weile. Wieder ist er unschlüssig, was nun geschehen soll. Die sexuelle Spannung ist während dieses Gewaltexzesses in sich zusammengefallen. In seinem Kopfkino ist das nicht vorgesehen. Hollerbach kann sich nicht mehr stimulieren. Es ist vorbei.

Er wendet sich Bianca zu. Sie steht da wie versteinert, unfähig, etwas zu sagen oder etwas zu tun. Sie will weglaufen, aber sie kann nicht. Sie will schreien, aber sie bringt keinen Laut heraus. Sie starrt nur ungläubig auf Bernds grässlich zugerichteten Leichnam.

Eben noch ist Hollerbach sogar bereit gewesen, für Bianca zu morden. Er hat sie besitzen wollen. Das ist nun anders. Wut und Hass brechen sich ihre Bahn. Je länger er die vollkommen verängstigte Frau anstarrt, desto stärker wird der Wunsch, auch sie zu bestrafen. Und ihm wird klar, dass Bianca alles mitangesehen hat. Er kann sie jetzt nicht einfach gehen lassen. Er muss nicht lange überlegen, was nun zu tun ist. Die Machete hocherhoben, stürzt er sich wortlos auf Bianca, die kurz darauf zusammensackt, nach unzähligen Hieben gegen Kopf und Hals tödlich verwundet.

Hollerbach läuft zurück zu seinem Lagerplatz, zieht sich um, versteckt Gasrevolver und Machete unter einem Baumstamm. Danach kehrt er an den Tatort zurück, zieht die Leichen bergabwärts in dichtes Gebüsch und Unterholz. Die großen Blutlachen auf dem Weg deckt er mit Sand ab. Dann macht er sich auf den Heimweg.

Samstag, 20. August 1993, gegen 13 Uhr - etwa zweieinhalb Jahre später.

Das freundliche Sommerwetter treibt viele Menschen hinaus in die Natur. Auch Anja Bassewitz radelt von ihrem Appartement im Hamburger Stadtteil Wandsbek aus los, ihr Ziel ist der Öjendorfer Park, etwa sechs Kilometer Luftlinie entfernt. Die 19-jährige Studentin, die erst seit einem dreiviertel Jahr in Hamburg wohnt, weiß nicht, dass dort ein mysteriöser Doppelmord verübt worden ist, der bisher nicht aufgeklärt werden konnte, dessen Motiv rätselhaft geblieben ist.

(Anja) "Ich fuhr zunächst nach Billstedt, weil ich dort etwas erledigen wollte. Das dauerte aber nicht so lange, und ich machte mich auf den Weg nach Öjendorf. Ich fuhr an der alten Försterei vorbei in Richtung Öjendorf. So gegen 13.45 Uhr stellte ich mein Fahrrad in der Ortsmitte von Öjendorf ab. Ich ging eine Straße entlang bis kurz vor die Gaststätte ‚Öjendorfer Treff'. Dort bog ich nach links in eine geteerte Straße ein, die über Wiesen bis zum Wald führt. Dann ging ich weiter in den Wald hinein."

Hollerbach kann und will jetzt nicht mehr widerstehen. Schon seit Monaten zieht es ihn wieder hinaus in sein Revier, das er seit den Morden an Bianca Möbus und Bernd Hartung nicht mehr betreten hat. Die grausame Tat hat ihn jahrelang beschäftigt, an seiner Seele gezerrt, einen dunklen Schatten geworfen, dem er nicht enteilen konnte. Die Ärzte sind ratlos, sie finden keine biologische Ursache für sein Gelenkrheuma, nur er selbst ahnt, warum sein Körper so ungewöhnlich heftig reagiert. Doch jetzt verblasst allmählich die unheilvolle Erinnerung, dafür flammen seine überwunden geglaubten Phantasien wieder auf: sich junger Frauen bemächtigen, sie fesseln, quälen, vergewaltigen.

(Hollerbach) "Ich bin mit dem Zug in die Nähe von Öjendorf gefahren und war so etwa gegen 12.30 Uhr dort. In einem Geschäft habe ich mir etwas zu essen gekauft, Brötchen und Rippchen. Danach bin ich eine Straße hinuntergelaufen bis zu einem Bach und den Bach entlang bis zu einem Abenteuerspielplatz. Ich hatte eine schwarze Tasche dabei. Darin waren die Machete, eine Art Fahrtenmesser, Heftpflaster, Präservative, eine grüne Wäscheleine und ein blauer Trainingsanzug mit weißen Streifen."

Hollerbach will endlich wieder jagen, er durchstöbert gezielt bestimmte Waldgebiete, sein Revier. Auch Anja kennt sich im Öjendorfer Park mittlerweile gut aus, sie ist häufiger dort, um spazieren zu gehen oder zu joggen.

"Ich wollte zur Elisenhöhe gehen. Ich ging zuerst ein Stückchen quer durch den Wald, um Brombeeren zu pflücken. Später kam ich auf einen Weg, der auf eine große Wiese führt. An diesem Platz stehen einige Bänke. Außerdem zweigen da mehrere Wege ab. Einer davon führt nach Barsbüttel, einer nach Oststeinbek, und einer führt zur Elisenhöhe.
Ich setzte mich auf eine der Bänke und ruhte etwas aus. Dabei beobachtete ich zwei Kinder, die dort auf Pferden ritten. Auf den Bänken saßen keine Leute, dafür aber auf der Wiese. Etwa eine Stunde blieb ich dort sitzen und ging schließlich weiter in Richtung Elisenhöhe."


"Vom Kinderspielplatz aus lief ich weiter in Richtung Hirschbrunnen. Das war am frühen Nachmittag. Bis dahin ist mir niemand begegnet. Vom Hirschbrunnen bin ich die steile Stiege hoch gelaufen bis zu einer kleinen Hohlgasse, in der Pferdespuren zu sehen waren. Diesen Hohlweg bin ich bergwärts hochgegangen, bis er in einen breiteren Weg mündet. Darüber sind nochmals zwei kleinere Hohlwege, die sich gabeln. Einen dieser Wege bin ich gegangen. Irgendwann kam ein breiter Weg, und ich bin rechter Hand weitergelaufen. Nach einer Weile bin ich links ab in den Wald. Da habe ich Halt gemacht. Ich habe meine Decke ausgebreitet, mich hingesetzt und die Rippchen gegessen. Danach habe ich den Trainingsanzug angezogen. Ich habe mich umgeschaut und mit der Machete einige Zeichen in die Bäume geschlagen. Diese Markierungen habe ich angebracht, um an diesen Platz wieder zurückfinden zu können. Danach bin ich losgelaufen."

"Nach etwa 15 Minuten kam ich an eine Abzweigung. Das ist mehr so ein Trampelpfad, der zum Lübecker Kreuz führt. Diesen Weg bin ich hoch und habe am Lübecker Kreuz erneut gerastet. Vielleicht zehn Minuten später ging ich den Weg zurück, der wieder auf die Straße führt, in diese Richtung geht es auch zur Elisenhöhe. Der Weg ist etwas abschüssig und endet an einer Kreuzung, dort sind eine Bank und eine Wanderhütte. Ich setzte mich auf die Bank und ruhte wieder aus."

"Ich bin diesen Abhang rauf und runter gelaufen und irgendwann auf den Weg zu dieser Hütte gekommen. Als ich dort ankam, habe ich gesehen, dass sich da auf der Bank etwas bewegte. Mit der Zeit konnte ich erkennen, dass es eine Frau war. Sie war ungefähr 20 bis 25 Jahre alt, hatte kurzes, bräunliches Haar, normale Figur. Und sie war kleiner als ich. Als ich sie so angesehen habe, da kamen mir diese Gedanken, die ich in den Tagen und Wochen vorher schon gehabt hatte. Weil ich nichts dabei hatte, bin ich zurück zu meinem Lagerplatz, habe die Machete und das Messer genommen und bin wieder zurück zur Hütte gelaufen."

"Ich saß so fünf Minuten auf der Bank - es war weit und breit kein Mensch in der Nähe -, da rannte ein Waldläufer an mir vorbei. Der Mann kam den Weg entlang, den ich zuvor gegangen, dann aber abgebogen bin, um zum Kreuz zu gehen. Er rannte an mir vorbei und lief halbrechts auf einem Waldweg weiter. Ich habe nicht besonders auf ihn geachtet, und er hat mich auch nicht angesehen.
Ein paar Minuten später kam urplötzlich hinter mir aus dem Gebüsch ein Mann rausgesprungen und forderte mich auf: ‚Los, komm mit! Es muss schnell gehen, es darf uns keiner sehen!' Der Mann stand direkt hinter mir, sein Gesicht habe ich nicht gesehen. Ich habe lediglich an der Stimme erkannt, dass es ein Mann war."


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