Der Liebespaar-Mörder

Gebunden mit Schutzumschlag
358 Seiten / 13,5 x 20,8 cm
ISBN 3-7700-1190-2
€ 18,95


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Vorwort

Serienmörder sind einerseits primitive "Sexmonster", die Kinder, Jugendliche und Frauen wahllos attackieren, massakrieren, ihre Gräueltaten ritualisieren. Und die Polizei bekommt sie andererseits nicht zu fassen, weil es kühl kalkulierende und agierende Intelligenzbestien sind. Dieses Zerrbild wurde generiert und wird unterhalten von Urängsten und Unkenntnis. Wenn wenig oder nichts erklärt werden kann, entsteht eine Legende: Mythos Serienkiller. Ein schlichtes Sammelsurium von irrationalen und falschen Vorstellungen.

Tatsächlich haben Serientäter viele Gesichter. Sie sind polizeibekannte Kriminelle, vielfach aber auch unbescholtene Bürger: Klempner, Maurer, Schlosser, Hausfrauen, Taxifahrer, Polizeibeamte, Soldaten, Ärzte - Serienkiller wie du und ich. Jedermänner. Durchschnittstypen.

Und alle leben mitten unter uns, haben häufig Familien, Kinder, Freunde. Doch gelingt es den Tätern immer wieder, sich schlangengleich durch das allzu löchrige Netz der sozialen Selbstkontrolle zu winden. Obwohl sich die Täter in vielen Fällen im Kreise ihrer Lieben durch eigenes Tun verraten oder durch unübersehbare Indizien entlarvt werden, passiert nichts. Das soziale Umfeld der passionierten Menschenjäger bleibt stumm, nichts dringt nach außen. Kein Sterbenswörtchen. Was nicht sein darf, das nicht sein kann. Dieses beharrliche Verweigern und Verleugnen hat unzählige Menschenleben gekostet - eine stumme Anklage, eine unsägliche Tragödie.

Doch auch den Kriminalisten sind häufig die Hände gebunden. Sie wollen den Täter fassen, bekommen ihn aber nicht zu packen. Im statistischen Mittel gelingt der Fahndungserfolg erst nach dreieinhalb Jahren. Fünf Opfer sind pro Fall zu beklagen. Nicht in den USA, Russland oder Südafrika - hier in Deutschland. Wo liegen die Ursachen für dieses nicht zu leugnende Dilemma?

Gerade in diesem Deliktsbereich existieren charakteristische Aufdeckungsbarrieren, die es zu überwinden gilt. Zunächst: Der Tötung eines Menschen geht im Allgemeinen ein Konflikt voraus. In etwa achtzig Prozent der Fälle besteht zwischen Opfer und Täter eine für Kriminalisten nachvollziehbare und die Überführung des Mörders begünstigende Vorbeziehung. Die übliche Ermittlungsstrategie, den Täter im Familien-, Freundes- oder Bekanntenkreis oder im beruflichen Umfeld des Opfers zu vermuten, greift, hat sich in Tausenden von Fällen als erfolgreich erwiesen. Beim Mord in Serie hingegen liegen die Dinge anders: In acht von zehn Fällen besteht keine vordeliktische Täter-Opfer-Beziehung. Es muss nach dem "großen Unbekannten" gesucht werden. Ein kriminalistischer Kraftakt - mit ungewissem Ausgang.

Erschwerend kommt hinzu, dass Serientötungen in zwei Drittel der Fälle als solche gar nicht verifiziert werden. Die Hauptgründe sind: Viele Täter verändern bewusst oder intuitiv ihren Modus operandi (= Tatbegehungsweise), variieren beispielsweise bei der Opferauswahl, der Tötungsart, benutzen unterschiedliche Tatmittel. Auch für erfahrene Todesermittler drängt sich bei derart gravierenden Fallkonstellationen und Tathandlungssequenzen die Hypothese auf, man habe es mit Einzeltaten und verschiedenen Verbrechern zu tun. Wertvolle Ermittlungshinweise bleiben so unberücksichtigt, spezielle Fahndungshilfsmittel ungenutzt. Bis vor kurzem fehlte es an einem hilfreichen Auswertungsinstrument, um Tötungsdelikte als Bestandteil einer Serie erkennen zu können. Eine bundesweite Datenbank gab es nicht. Ein weiters Manko: Mindestens jeder fünfte in Serie verübte Mord wird erst gar nicht als Tötungsdelikt erkannt. Die tatsächliche Todesursache wird übersehen, die auf ein Verbrechen hindeutenden Indizien verkannt. Die heimtückischen Patiententötungen in Krankenhäusern sind so gestrickt, genauso wie der Serienmord an älteren Menschen in Altenheimen.

Das folgende Kriminaldrama steht insbesondere für die Irrungen und Wirrungen bei der Fahndung nach einem multiplen Mörder, die facettenreichen und erheblichen Probleme und Irritationen, denen die Kriminalpolizei begegnen muss. Niemand schien vor dem "Untier", dem "Unheimlichen", dem "modernen Peter Kürten" sicher zu sein. Nicht nur die Bürger der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt reagierten verstört, die "Düsseldorfer Morde" schockierten Mitte der fünfziger Jahre eine ganze Nation und wurden zum Thema weltweiter Berichterstattung.

Nach wendungsreichen und spektakulären Ermittlungen gelang es der Kripo schließlich, einen Verdächtigen zu präsentieren. Und Ende des Jahres 1959 konnte dieser Mann endlich angeklagt werden. Der sechswöchige Prozess entwickelte sich zu einem echten Gerichtsthriller, über dessen Inhalt und Ausgang auch heute noch kontrovers diskutiert wird. Lüge und Wahrheit, Fiktion und Realität bildeten ein kaum zu durchdringendes Geflecht. Am Ende stand ein umstrittenes Urteil.

Die Düsseldorfer "Liebespaar-Morde" sind bis heute einzigartig geblieben - und mysteriös. Eine vergleichbare Mordserie hat sich in Deutschland bisher nicht ereignet. Der Täter kreierte überdies eine bis dahin vollkommen unbekannte Deliktsgattung: den todbringenden Angriff auf junge Menschen, die sich unter dem vermeintlichen Schutz der Einsamkeit in ihren Autos liebten. Das macht diese kaltblütigen Verbrechen besonders schmerzhaft und ruchlos. Auch deshalb erscheint es geboten, diese verhängnisvollen Ereignisse zu dokumentieren und näher zu beleuchten. Und vor alledem: Welcher Mensch war zu soetwas fähig?

Stephan Harbort
Düsseldorf, im Oktober 2004


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