Ich liebte eine Bestie
Die Frauen der Serienmörder

Gebunden mit Schutzumschlag / 320 Seiten / 13,7 x 21,5 cm
ISBN 978-3770013593
€ 19,95


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Leseprobe

Hamburg, Anfang Juni 1977.
Katharina Skrowonnek hat noch immer keinen neuen Partner gefunden, neun Jahre sind nun seit der schmerzvollen Scheidung vergangen. Friedrich, ihr Ex-Mann, von Beruf technischer Angestellter, hätte in Katharinas elterlichem Betrieb mitarbeiten sollen, was er jedoch immer wieder konsequent abgelehnt hatte. Mit der Begründung, er wolle nicht von der Hand in den Mund leben und ihr und den Eltern nicht auf der Tasche liegen, hatte er Katharinas Zukunftspläne zurückgewiesen. Schließlich war der Graben nach vielen Diskussionen und Disputen zu breit und zu tief geworden. Katharina hatte die Scheidung eingereicht, weil einfach keine gemeinsame Basis mehr vorhanden war, die eine Ehe weiter hätte tragen können.

Verwandten und Freunden erzählt sie, kein ernsthaftes Interesse an einer neuen Beziehung zu haben - obwohl sie regelmäßig auf Kontaktanzeigen schreibt. Das tut die 41-Jährige, weil sie auf diesem Wege ihren Bekanntenkreis erweitern und interessante Menschen kennenlernen möchte, sagt sie. Ihre engsten Freundinnen indes kennen die Wahrheit: Katharina leidet unter ihrem Alleinsein, sie sehnt sich nach einem Partner, der länger bleibt, als für ein paar Stunden, Tage oder Wochen.

Dieser Mann muss allerdings ausnahmslos ihren strengen Auswahlkriterien entsprechen: gut aussehend, charakterlich einwandfrei, vermögend. Ihren Freundinnen und Bekannten fällt auf, dass die hübsche, aufgeschlossene und lebensfrohe Unternehmerin bei Urlaubs- und Geschäftsreisen oder Partys mehrfach Männerbekanntschaften macht, aber trotzdem stets auf Heiratsannoncen zurückkommt. Katharina favorisiert Akademiker, Unternehmer und leitende Angestellte, ganz oben auf ihrer Liste stehen aber Männer, die im wissenschaftlich-medizinischen Bereich tätig sind, ein Klinik-Chef etwa. Seit November 1976 lebt sie in Hamburg gemeinsam mit ihrer Mutter in der Wohnung im Parterre ihres zwei Jahre zuvor gebauten Hauses im Nobelviertel Pöseldorf. Das Obergeschoss ist an eine Familie vermietet. Obwohl Christina Kohlund 35 Jahre älter ist als ihre Tochter, gibt es kaum Probleme zwischen den Frauen.

Katharina liest ausschließlich die Kontaktanzeigen im "Hamburger Abendblatt". Nur dort, vermutet sie, inserieren seriöse und betuchte Männer, die für sie überhaupt infrage kommen. Bei der Beantwortung der Annoncen gibt sie sich wenig Mühe, sie schreibt Briefe gleichen Inhalts, legt aber ein Foto von sich dazu. Die Anzeige schneidet sie aus und bewahrt sie auf, bis ein Kontakt zustande kommt.

In der Wochenendausgabe des "Hamburger Abendblatts" 21./22. Mai 1977 erregt auf Seite 25 eine Anzeige ganz besonders ihr Interesse:

"Arzt, verw., 41 Jahre, 1,84, dunkel, 79 kg,
mit besteingeführter Privatklinik, herrlichem Besitz in Nizza,
anhanglos, sucht adäquate Partnerin zur baldigen Ehe.
Vermögen aus Paritätsgründen erwünscht.
Zuschriften erbeten unter RK 8452497."

Genau diese Annonce begeistert auch Margarethe Zenner. Die 35-jährige Sekretärin, geschieden, kinderlos, arbeitet seit sechs Jahren in einer Hamburger Anwaltskanzlei. Nach dem Tod ihrer Mutter im Jahre 1975 hat sie ein Haus in Fuhlsbüttel geerbt, das vermietet wird. Von den Mieteinnahmen und ihrem Gehalt lässt es sich gut leben, die sportbegeisterte Frau reist viel, fährt regelmäßig Ski und spielt leidenschaftlich gerne Tennis. Mit Bekanntschaftsannoncen hat sie gute Erfahrungen gemacht. So hat sie auch ihren derzeitigen Freund kennengelernt, auch wenn sie sich mit Gerhard Kramer nicht mehr so gut versteht, wie es zu Beginn ihrer Beziehung der Fall gewesen ist. Der zwei Jahre ältere Lektor eines mittelständischen Verlages kritisiert Margarethe immer dann besonders heftig, wenn sie mal wieder mit einer Kollegin verabredet ist, wenn sie mal wieder alleine ausgehen will oder wenn sie mal wieder eine Verabredung mit ihm platzen lässt. Die Lebensauffassungen des Paares driften mehr und mehr auseinander, und die anfängliche Verliebtheit reicht nicht mehr aus, um die Risse in ihrer Beziehung auf Dauer zu kitten. Beide spüren das, aber nur Margarethe sucht bereits nach einem neuen Partner, ohne dass Gerhard davon weiß.

Margarethe stammt aus gutbürgerlichen Verhältnissen und hat sich vorgenommen, nicht wie ihre Eltern ein Leben lang nur für das eigene Haus zu schuften und die Raten mühsam abzustottern. Sie, die von ihren Kolleginnen als tüchtig, hilfsbereit, zuverlässig und liebenswürdig geschätzt wird, erwartet mehr vom Leben. Und das signalisiert die adrette Blondine auch, wenn sie auffällig gekleidet und grell geschminkt durch die Nobel-Diskotheken Hamburgs zieht, meistens allein, immer in der Hoffnung, den finanziell potenten Mann fürs Leben zu finden. Sie will nicht nur über den Jet-Set lesen oder reden, sie will dabei sein, dazugehören. Margarethe Zenner spricht aber nicht über sich und ihre hochfliegenden Lebenspläne, sie ist ein eher verschlossener Mensch.

Montag, 6. Juni 1977.
Katharina Skrowonnek plant, zusammen mit ihrer Mutter nach Italien zu fahren, um dort Urlaub zu machen. Die Reise soll am nächsten Morgen gegen 5 Uhr angetreten werden. Ziel ist Jesolo, ein Seebad an der Adria, 42 Kilometer nordöstlich von Venedig. Zunächst muss jedoch der Garten in Schuss gebracht werden. Nach getaner Arbeit und einem kurzen Sonnenbad fährt Katharina am frühen Nachmittag zur Raiffeisenbank in Pöseldorf, sie möchte für den Urlaub italienische Lire besorgen. Sie bekommt zweimal 320.000 Lire und 300 Mark ausgehändigt. Das Geld soll zwischen ihr und der Mutter aufgeteilt werden.

Wenig später trifft Katharina bei ihrer Nichte ein und gibt dort Konrad, den Hund, der ihr zur Pflege anvertraut worden ist, zurück - für diesen Freundschaftsdienst darf sie ein Surfbrett mitnehmen, das sie sich sonst erst hätte kaufen müssen. Gegen 16.30 Uhr kommt Katharina nach Hause. Die Mutter berichtet ihr von einem Telefonanruf, ein "Dr. König" habe angerufen und anklingen lassen, sie unbedingt noch vor ihrer Abreise "kurz treffen" zu wollen. Christina ist etwas überrascht, denn dieser Mann weiß von der bevorstehenden Urlaubsreise, nur sie weiß nichts über diesen Mann, sie kennt nicht einmal seinen Namen, aber vielleicht hat ihre Tochter einfach nur vergessen, ihr von ihm zu erzählen. Dr. König wolle zwischen 17 Uhr und 18 Uhr abermals anrufen, sagt sie ihrer Tochter noch, die bereits auf dem Weg unter die Dusche ist. Katharina kommt schon kurze Zeit später zurück ins Wohnzimmer. "Den Mann will ich heute noch kennenlernen", sagt sie ihrer Mutter und lacht dabei.

Um kurz nach 18 Uhr ruft Dr. König an und erreicht zunächst wieder die Mutter, Katharina ist draußen im Garten und hat das Klingeln des Telefons nicht gehört. Der Mann hat eine sympathische Stimme und spricht akzentfreies Hochdeutsch. Ob er mit Katharina kurz sprechen könne? Die anschließende Unterhaltung zwischen ihrer Tochter und Dr. König dauert nicht länger als eine Minute, und Christina hört zufällig, als sie in die Küche geht, ihre Tochter sagen: "Gut, dann kann ich ja noch in Ruhe meine Koffer packen." Offenkundig hat sich ihre Tochter über diesen Anruf gefreut, Dr. König muss auf Katharina einen überaus positiven Eindruck gemacht haben, denn so schnell fängt ihre Tochter normalerweise nicht Feuer.

Am späten Abend sitzen Katharina und ihre Mutter auf der Terrasse, die Temperaturen werden allmählich erträglich, und essen zu Abend, schnelle Küche, Brot, Aufschnitt und Käse, dazu ein Glas Rotwein. Danach werden die Koffer gepackt. Das muss nun etwas schneller gehen, denn Dr. König hat sich für 20 Uhr angekündigt. Der kommt aber zunächst gar nicht, und Katharina pendelt zwischen Terrasse, auf der noch ihre Mutter sitzt, und Küche, von der aus sie die Straße einsehen kann, hin und her, hoffend, bangend. Ob er noch kommt?

Christina bemerkt die Nervosität ihrer Tochter. Ihr, der Mutter, ist es nicht recht, dass Katharina noch ausgehen möchte, wo sie doch morgen so früh aufbrechen wollen. Erst nach einer Zeit hagelt es mütterliche Vorwürfe. Die eigentlich prächtige Urlaubsstimmung trübt sich merklich ein. Christina ist sauer auf ihre Tochter, und die wiederum ist sauer auf ihre verständnislose Mutter und auf Dr. König. Der lässt sich einfach nicht blicken, auch nicht um kurz vor 22 Uhr, als Christina ins Bett geht und ihre Tochter abermals bittet, doch besser zu Hause zu bleiben. Demonstrativ schließt die Mutter die Hauseingangstür ab - und dann wieder auf, als die Tochter remonstriert, sie werde heute noch ausgehen, "auf jeden Fall".

In der Nacht bemerkt Christina mehrfach, wie in der Wohnung Licht gemacht wird, sie sieht den Lichtschein unter der Schlafzimmertür, so auch gegen 3.30 Uhr, als sie auf den Wecker schaut. Sie nimmt an, Katharina sei wohl eben aufgestanden, um sich reisefertig zu machen. Eine halbe Stunde später steht Christina auf, geht zur Toilette, duscht, trinkt eine Tasse Kaffee. Merkwürdig findet sie, dass die Äpfel, die sie ihrer Tochter im Bad bereitgestellt hat, unangetastet geblieben sind. Weil es noch so früh und ihre Tochter wohl doch noch nicht aufgestanden ist, legt die ältere Dame sich noch einmal hin und schläft ein.

Dienstag, 7. Juni 1977.
Um 7 Uhr klingelt bei Margarethe Zenner das Telefon, wie jeden Wochentag. "Du musst zur Arbeit, ich wünsche dir einen schönen Tag", hört sie Gerhard Kramer sagen, der danach auflegt. Um 8.15 Uhr ist Margarethe in der Anwaltspraxis, dort arbeitet sie regelmäßig sechs Stunden, um 15 Uhr ist Feierabend. Sie erledigt Schreibarbeiten und versorgt die Teilnehmer einer Sitzung in der Kanzlei mit Kaffee und Gebäck. Nach der Konferenz werden Änderungen der Vertragstexte erforderlich, die sich in den Verhandlungen ergeben haben und nun von Margarethe getippt werden müssen. Gegen 13 Uhr ist sie fertig und bittet ihren Chef, heute etwas früher gehen zu dürfen, sie habe doch in den Tagen zuvor länger gearbeitet, es sei dringend, sie habe einen wichtigen Termin, den sie nicht aufschieben könne. Worum es dabei geht, sagt sie nicht. Sie darf gehen und verlässt am frühen Nachmittag die Kanzlei. Niemand weiß, dass sie mit einem Mann verabredet ist, den sie nicht kennt, aber unbedingt kennenlernen möchte: ein gewisser Dr. König.

Etwa zur selben Zeit, als Margarethe Zenner von ihrem Freund frühmorgens geweckt wird, erwacht Christina Kohlund. Sie geht ins Wohnzimmer, räumt einen Teller mit Chips beiseite und bringt ein benutztes Trinkglas in die Küche, das auf dem Tisch gestanden hat. Die Frau bemerkt zwar eine weißliche Substanz am Glasboden, denkt sich aber nichts dabei. Als sie zurückkommt, fällt ihr etwas auf, das am Abend zuvor, als sie ins Bett ging, nicht da war: ein Blumenstrauß. Die abgeschnittenen Blumenstiele findet sie auf dem Küchentisch und bringt sie mit anderem Abfall zur Mülltonne.

Katharinas Besuch muss wohl doch noch gekommen sein, schlussfolgert sie, wahrscheinlich ist es spät geworden, deshalb könne die Tochter ruhig noch etwas schlafen, beschließt sie. Christina frühstückt schließlich allein und geht danach in den Garten, Unkraut zupfen. Da bereits alle Reisevorbereitungen getroffen worden sind, will sie sich so die Zeit vertreiben.

Um 9.45 Uhr läuft die Schonfrist ab. Christina betritt das Schlafzimmer ihrer Tochter, um sie zu wecken. Die Rollos sind heruntergelassen. Dann sieht die Frau Katharina auf dem Bett liegen...


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