Das Serienmörder-Prinzip
Was zwingt Menschen zum Bösen?

Gebunden mit Schutzumschlag
336 Seiten / 13,5 x 20,8 cm
ISBN 3-7700-1221-6
€ 18,95


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Leseprobe

Es war kein genau bestimmbarer Zeitpunkt, das war eine ganze Zeitepoche. Ich kam irgendwann mal auf die Idee, aber das war noch nicht konkret. Das ist dann haften geblieben und hat sich verfestigt. Durch die regelmäßige Routine, die ich erworben habe, ist mir das immer wieder in Erinnerung gerufen worden, diese Vorstellungen. Also unabhängig von dem, was ich tagtäglich so erlebt habe, sind die Sachen immer wieder hochgekommen und haben sich dann mehr und mehr zusammengefügt zu einem Entschluss. Auf einer bestimmten Ebene stand für mich dann irgendwann fest, wenn sich die Gelegenheit ergibt, dass ich es versuche.

Moritz Niewald zog sich seine Tarnkleidung an: schwarzer Rollkragenpullover, schwarze Hose, Turnschuhe. Eine schwarze Sturmhaube mit weit ausgeschnittenen Sehschlitzen steckte er sich in die Hosentasche. Er würde sie erst später brauchen. Um kurz nach 22 Uhr verließ der 29-Jährige seine Wohnung in Heidelberg, startete seinen Wagen und fuhr los. Niewald hatte ein bestimmtes Ziel: Königsberger Straße 17 in Leimen, nur acht Kilometer entfernt. Dort wohnten im Parterre die Floristin Angelika Kisch und ihr Freund Peter Gärtig, der als Pfleger in einem Krankenhaus arbeitete.

Was ich da betrieben hab', war der reine Wahnsinn. Das ist so unnormal, dass man es als Normalbürger nur als wahnsinnig bezeichnen kann, wenn jemand so durch die Gegend geht und sich so verhält. Da denkt doch jeder, der ist doch verrückt. Ein normaler Mensch macht so etwas doch nicht. Und ich konnte es eigentlich auch nur unter dem Aspekt des Wahnsinns abtun, also rein sachlich gesehen.

Niewald kannte sich in der Zweizimmerwohnung von Angelika Kisch bestens aus, obwohl er weder mit ihr noch mit ihrem Lebensgefährten jemals zuvor ein Wort gesprochen hatte.

Ich war schon in der Wohnung von der Frau, wo sie da noch gar nicht gewohnt hat. Da war ein anderes Pärchen drin. Einmal haben die abends die Wohnzimmertür offen gelassen, da habe ich einen Videorekorder mitgehen lassen, auch Modeschmuck aus dem Schlafzimmer. Das hat mir später geholfen, weil ich genau wusste, wie die Wohnung so ist.

Niewald war ein Spanner. Seit mehr als zehn Jahren schlich er nachts durch bestimmte Bezirke Heidelbergs oder angrenzender Orte, lugte am liebsten durch Rollläden in Wohnungen und wartete geduldig auf seine Chance. Manchmal mehrere Stunden, bei fast jedem Wetter. Und wenn er dann den nackten Körper einer Frau heimlich beobachten konnte, befriedigte er sich selbst, entweder sofort oder später. Damit hatte er sich in all den Jahren auch zufrieden gegeben. Bis zu diesem Tag.

Beim Spannen war es ja lange Zeit so, dass ich gar nicht in die Wohnungen eindringen wollte. Da bestand ja immer die Gefahr, dass ich erwischt werde, und die Konsequenz wäre auch gewesen, wenn man mich schnappt, dass ich daran für eine gewisse Zeit gehindert worden wäre. Das wollte ich halt nicht. Ich wollte aber auch niemanden durch meine Spannerei konkret belästigen. Ich hatte halt grundsätzlich vor, unauffällig zu bleiben.

Er wollte auch weiterhin unbeobachtet und unentdeckt seiner Leidenschaft nachgehen, aber seit einigen Monaten hatte sich etwas grundlegend verändert: Vorher hatte er seine Phantasien beherrscht, jetzt dominierten sie ihn.

Ich hab' da an sexuelle Handlungen gedacht: die Frau anzufassen, vorwiegend im Geschlechtsbereich. Oder die sollten sich ausziehen oder ich die. Es hat sich konkret immer um die Personen gehandelt, die ich da bespannt hab'.

Ich kann mich noch gut erinnern, dass, bevor ich bei dem ersten Opfer in die Wohnung rein bin, ich ein junges Pärchen beobachtet habe. Die haben Sexualverkehr gehabt, und ich hab' die halt beobachtet. Das Dumme war, dass der Mann gemerkt hat, dass da jemand am Fenster ist, er hinter mir her, mich über mehrere Straßen verfolgt. Da habe ich auch einen starken Drang entwickelt, in die Wohnung reinzukommen. Da hatte ich auch den Wunsch, speziell mit dieser Frau Kontakt aufzunehmen, wobei die sexuellen Phantasien damals nicht so ausgeprägt waren. Das, was ich vorher gesehen habe, hat den Anreiz gegeben. Die Kontaktaufnahme hat mich mehr gereizt. Später hat mir das dann nicht mehr gereicht, wenn ich nur etwas zu sehen bekommen hab'. Dann haben sich bei mir im Vorfeld schon Phantasien eröffnet.


Niewald hatte Angelika Kisch bereits x-fach beobachtet und ausgeforscht. Er kannte ihren Tagesablauf, wusste, worüber sie sich mit ihrem Freund stritt, welche Zahnpasta und welches Verhütungsmittel sie benutzte, wann sie gewöhnlich ins Bett ging. Und sie gefiel ihm.

Bei der war es halt so, dass ich die Möglichkeit gesehen habe, in die Wohnung reinzukommen. Ich fand sie nicht hässlich, nicht unattraktiv, schon sexuell ansprechend. Im Prinzip hat mir alles gefallen, bis auf die Frisur. Die Haarfarbe war mir aber egal. Die Haare waren relativ kurz, und das ist nicht unbedingt der Typ Frau, auf den ich so stehe. Wobei ich da aber auch Ausnahmen machen kann. Vom Gesicht her war sie normaler Durchschnitt, nicht so großartig, ich war aber auch nicht abgeneigt. Rein körperlich gab's aber nichts, was mich sexuell nicht genügend angesprochen hätte. Das Alter war auch wichtig, sie sollte schon ein bisschen älter sein als ich. Und das war ja auch so.

Niewald war zudem regelrecht ausgehungert, in den Wochen und Monaten zuvor hatte es kaum einmal geklappt. Nächtelang war er durch Vorgärten geschlichen, hatte sich hinter oder auf Bäumen postiert, war auf Balkone gestiegen, hatte Fensterläden auseinandergedrückt; aber nur ein einziges Mal hatte er eine junge Frau beobachten können, die sich bettfertig gemacht hatte. Doch nicht nur aus diesem Grund drohte gerade Angelika Kisch Gefahr.

Das hatte auch mit dem Pärchen zu tun, das da vorher gewohnt hat. Da konnte ich halt nicht so gut spannen, da hat sich halt ganz schön was aufgestaut. Plötzlich hat sich dann in unmittelbarer Nähe die Gelegenheit ergeben. Vorher hatte ich sie auch schon einige Male beobachtet, aber nicht so oft, weil es zu riskant war. Damals hatte ich aber auch noch nicht so viele Anlaufstellen, wo ich was sehen konnte.

Angelika Kisch hatte er sich für den 13. Juli 1995 vorgemerkt.

Das war schon ein paar Tage vorher. Ich hatte irgendwie mitbekommen, dass der Freund von ihr Schicht arbeitet, da konnte ich mir ausrechnen, dass der in dieser Woche abends nicht zu Hause ist. Dann hab' ich mich damit auch innerlich befasst, meine Phantasien endlich mal umzusetzen. Einfach mal die Sachen von zu Hause mitzunehmen, für den Fall, dass sich die Möglichkeit ergibt.

Niewald parkte seinen Ford Fiesta in einiger Entfernung vom Zielort. Er wollte dadurch vermeiden, dass dort im Fall der Fälle jemand auf sein Auto aufmerksam werden könnte. Er ging zur Rückseite des Anwesens Königsberger Straße 17 und schaute durch die Rollladenschlitze ins Wohnzimmer. Er sah Angelika Kisch auf dem Sofa sitzend, die 26-Jährige schaute fern.


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