"Falsche Fährten"
Kriminalirrtümer und ihre Folgen

Gebunden mit Schutzumschlag
336 Seiten / 13,5 x 20,8 cm
ISBN 978-3821865447
€ 19,95


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Leseprobe

KAPITEL 2

Natürlicher oder gewaltsamer Tod?

"Es muss die Frage aufgeworfen werden,
wie hoch die Fehlerquote bei der Frage sein mag,
ob natürlicher oder gewaltsamer Tod vorliegt.
Es steckt ja keineswegs immer das Beil im Schädel.
Wie oft sieht der Leichenfundort völlig harmlos aus,
und Verdachtsgründe ergeben sich erst bei einer sorgfältigen
Besichtigung der Leiche durch den in der Beurteilung
der vielfältigen Leichenerscheinungen Erfahrenen
oder durch eine Überprüfung der Gesamtsituation."
Armin Mätzler, Todesermittlung

Sabrina. Lukas. Marvin.

Sabrina meldet sich fast immer zur gleichen Zeit, so gegen 6.30 Uhr, dann hat sie Hunger. An diesem eher tristen Novembermorgen ist es nicht anders, die Kleine schreit nach Leibeskräften. Thomas Klingbeil ist ein gewissenhafter und liebevoller Vater; der 27-jährige Stuckateur steht auf, beruhigt seine fünf Monate alte Tochter, streichelt ihr behutsam über das Köpfchen, geht in die Küche, stellt das Fläschchen in die Mikrowelle, füttert das Baby, beobachtet es aufmerksam, wartet nach dem Trinken geduldig auf das Bäuerchen. Nachdem Sabrina die überflüssige Luft im Verdauungstrakt losgeworden ist, wird sie gewickelt und anschließend in ihr Bettchen zurückgelegt. Die Kleine ist jetzt satt, trocken und zufrieden. Lukas, ihr 19 Monate alter Bruder, hat von all dem nichts mitbekommen, er schläft noch in seinem Kinderbett, das im elterlichen Schlafzimmer steht. Dort liegt auch die Mutter. Karina Klingbeil ist zwar schon wach, sie bleibt aber liegen, wie immer. Die 23-Jährige lässt es sich gerne gefallen, wenn Thomas sie unterstützt und sich um die Kinder kümmert. Um 7.50 Uhr verabschiedet er sich von ihr und fährt zu seiner Arbeitsstelle.

Etwa eine Dreiviertelstunde später kehrt Thomas Klingbeil in die Wohnung zurück, weil er seine Arbeitskleidung vergessen hat. "Du, geh bitte nicht ins Wohnzimmer", bittet ihn seine Frau, "Sabrina ist gerade erst wieder eingeschlafen, sie hat bestimmt eine halbe Stunde lang geschrien." Thomas Klingbeil hört auf seine Frau und geht ins Kinderzimmer, wo er von seinem Sohn, der erst seit einigen Minuten wach ist, begeistert empfangen wird. "Papa! Papa!"

"Thomas, komm schnell", ruft seine Frau , die unterdessen ins Wohnzimmer gegangen ist, aufgeregt, "Sabrina atmet nicht mehr!" Das Mädchen liegt in einer Tragetasche auf dem Sofa, leblos. Thomas Klingbeil erkennt sofort, dass ein Notfall vorliegt - das Gesicht seiner Tochter hat sich bläulich verfärbt, sie liegt da wie erstarrt. Während er mit dem Kind ins Kinderzimmer läuft und es behutsam auf den Wickeltisch legt, alarmiert seine Frau den Notarzt.

Karina Klingbeil übergibt den Telefonhörer an ihren Mann, der auf ärztliche Anweisung sofort mit Wiederbelebungsversuchen beginnt. Im Verlauf der Mund-zu-Mund-Beatmung tritt aus Mund und Nase des Mädchens eine bräunliche Flüssigkeit aus. Acht Minuten später treffen zwei Rettungssanitäter ein, die weiter reanimieren, bis kurz darauf der Notarzt kommt. Sabrina wird oral intubiert und beatmet, das Erbrochene abgesaugt. Der Versuch, einen venösen Zugang zu legen, misslingt zunächst. Während im Kinderzimmer mit allen Mitteln verzweifelt um das Leben des Mädchens gerungen wird, versuchen im Wohnzimmer die von Karina Klingbeil herbeitelefonierten Schwiegereltern die aufgelösten Eltern zu trösten.

Um 9.25 Uhr fordert man den Baby-Notarztwagen an, mit dem 20 Minuten später auch eine Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin in der Wohnung der Klingbeils eintrifft. Trotz zehnminütiger Herzmassage zeigt die EKG-Ableitung eine Nulllinie, die Pupillen des Kindes sind weit und lichtstarr. Über den Tubus gibt die Ärztin mehrfach stimulierende Mittel - vergeblich, eine eigene Herztätigkeit kann nicht erreicht werden. Unter fortlaufenden Reanimationsmaßnahmen rast der Notarztwagen um 10.09 Uhr in die städtische Kinderklinik. Auch während der Transports ist bei der kleinen Patientin keine selbständige Herzaktivität festzustellen.

Endlich erreicht der Notarztwagen das Krankenhaus, Sabrina wird dort weiterversorgt. Die Ärzte schließen sie im Reanimationsraum an einen Monitor an, und es wird ein nasaler Tubus gelegt. Unter permanenter Medikamentengabe durch Infusionen fängt Sabrinas Herz doch wieder an zu schlagen, allerdings kann das Baby nur auf niedrigem Niveau stabilisiert werden. Auch liegt kein Überleben im engeren Sinne vor, da die langandauernde Sauerstoffunterversorgung bereits zu erheblichen Schädigungen des Gehirns geführt hat und sämtliche Stoffwechselvorgänge schwer gestört sind. Die Lebensfunktionen des Babys können über Nacht zwar aufrechterhalten werden, doch verschlechtert sich der Zustand des Mädchens zusehends: die Pupillen sind nach wie vor weit und lichtstarr, auf Schmerzreize wird nicht reagiert. Nach und nach kommt es zum Versagen einzelner Organe, am Nachmittag verlangsamt sich die ohnehin schon unregelmäßige Herzfrequenz. Als um 16.45 Uhr keine Herztätigkeit mehr festzustellen ist, wird das Beatmungsgerät im Beisein der Eltern abgeschaltet. Sabrina Klingbeil ist tot.

Noch am selben Tag wird ihre Mutter durch die Stationsärztin zu den Umständen des Todes ihrer Tochter befragt. Die eher teilnahmslos und ungewöhnlich distanziert wirkende Frau erzählt, dass sie Sabrina nach dem Füttern in die Wiege zurückgelegt und sie kurze Zeit später mit blauen Lippen vorgefunden habe, mehr könne sie nicht sagen. Da Sabrinas Pflege- und Allgemeinzustand nicht zu beanstanden ist - es gibt auch keine Spuren körperlicher Vernachlässigung oder Misshandlung -, die familiären Verhältnisse geordnet erscheinen und es ein gesundes älteres Geschwisterkind gibt, lautet die Diagnose "plötzlicher Kindstod". Unter diesem unheimlichen Phänomen versteht man das unerwartete, unerklärliche und unvorhersehbare Versterben eines Säuglings oder eines Kleinkinds während der Schlafenszeit, insbesondere in den frühen Morgenstunden. In den Industrienationen gilt der sogenannte Krippentod als häufigste Todesursache von Kleinkindern jenseits der Neugeborenenperiode.

Da der Befund eines plötzlichen Kindstodes bei Sabrina nicht gesichert ist, wird der Kripo Mitteilung gemacht. Um die Todesursache mit der notwendigen Gewissheit aufzuklären, regen die Todesermittler, obwohl auch sie nach Lage der Dinge von einem plötzlichen Kindstod ausgehen, vorsorglich eine Obduktion an. Eine eindeutige Todesursache ergeben die pathologisch-anatomischen Befunde indes nicht. Nach Auffassung des Rechtsmediziners lassen sich die Obduktionsbefunde zwanglos mit einem Herz-Kreislauf-Versagen im Sinne des plötzlichen Kindstodes in Einklang bringen. Anhaltspunkte für eine Gewaltanwendung durch Dritte, die in ursächlichem Zusammenhang mit dem Todeseintritt stehen, werden nicht festgestellt.

Karina Klingbeil und ihr Mann akzeptieren diesen Schicksalsschlag, so scheint es, insgesamt gefasst, nur gelegentlich kommt es zu dramatischen Szenen, wenn im Familien- und Bekanntenkreis über den tragischen Tod des Babys gesprochen wird. Sabrinas Mutter versucht schon bald Abstand zu gewinnen und besucht Diskotheken, noch bevor ihre Tochter beerdigt worden ist. Die Kosten für die Beerdigung übernehmen die Schwiegereltern. Karina Klingbeil soll das Geld, das ihr übergeben worden ist, in der nicht weit von ihrer Wohnung entfernten Filiale der Stadtsparkasse an das Bestattungsunternehmen überweisen. Doch sie zahlt den Betrag nicht ein und behält das Geld für sich. Obwohl die gelernte Näherin beschäftigungslos ist und die Einkünfte ihres Mannes nur für das Nötigste reichen, verprasst sie das Geld und überzieht auch ihr Konto bei der Sparkasse erheblich. Die Verantwortlichen dort lassen Karina Klingbeil immer wieder gewähren, schließlich sind die Schwiegereltern langjährige und durchaus vermögende Kunden.

Sechs Wochen nach dem Tod Sabrinas macht die Familie für eine Woche Urlaub an der Nordsee. Insbesondere Lukas, der seine Schwester sehr zu vermissen scheint, soll auf ärztlichen Rat Abwechslung bekommen. Unmittelbar nach der Rückkehr gibt Karina Klingbeil den Jungen für eine Woche zu ihren Eltern, die sich zwar wundern, dass ihre Tochter den Jungen für so lange Zeit abgeben möchte, die sich andererseits aber auch darüber freuen, den Enkel betreuen zu dürfen, den sie als liebes, fröhliches, freundliches und pflegeleichtes Kind erleben.

Nachdem Lukas von seiner Mutter nach acht Tagen abgeholt worden ist, kommt es noch am Abend seiner Heimkehr wieder zu einem dramatischen Ereignis. "Thomas, komm mal, der Kleine reagiert nicht mehr!" Der Gerufene stürmt ins Kinderzimmer und sieht den Sohn auf dem Wickeltisch liegen, regungslos, mit starrem Blick, aber wohl noch atmend, wie sein Vater feststellt. "Guck mal, er reagiert nicht mehr", wiederholt sich Karina Klingbeil aufgebracht und macht über den Augen des Jungen eine Handbewegung. Thomas Klingbeil nimmt Lukas auf den Arm, schüttelt ihn leicht, worauf der Junge zu schreien beginnt.

Inzwischen ist der von Karina Klingbeil alarmierte Rettungsdienst eingetroffen. Als die Sanitäter das Kind schreien hören, gehen sie davon aus, dass es sich eben nicht, wie telefonisch mitgeteilt, um einen gravierenden Vorfall handelt. Junge Eltern sind nicht selten überbesorgt und schätzen eher harmlose Ereignisse als gefahrenträchtig oder lebensbedrohlich ein, das kennt man. Nach einer Untersuchung des Jungen kann erwartungsgemäß Entwarnung gegeben werden, es besteht kein unmittelbarer Handlungsbedarf, das Kind darf zuhause bleiben.

Die Schwiegereltern, unterdessen aus ihrer Wohnung herbeigeeilt, sind entschieden anderer Meinung und raten den beunruhigten Eltern, Lukas unverzüglich in der Kinderklinik untersuchen zu lassen, vorsichtshalber, bei Sabrina sei es doch ganz ähnlich gewesen, aus ihrem Tod sollten doch Konsequenzen gezogen werden. Und so wird der Junge noch am selben Abend in den Städtischen Kliniken einer Kinderärztin vorgestellt.

Die körperliche Untersuchung ergibt keinen medizinisch nachvollziehbaren Grund für das bei Lukas beobachtete Erscheinungsbild, der 21 Monate alte Junge hat lediglich einen Reizhusten und bei einem Hustenanfall leicht erbrochen. Die Ärztin weiß um den Tod Sabrinas und empfiehlt den Eltern, Lukas in der Klinik stationär beobachten zu lassen, falls dieses Anfallsleiden erneut auftrete, könne rechtzeitig darauf reagiert werden, überhaupt sollte die Ursache abgeklärt werden. Selbstverständlich könnten unter diesen besonderen Umständen Mutter und Sohn ein Einzelzimmer bekommen. "Ich bleibe auf gar keinen Fall hier." Karina Klingbeil lässt sich auch nach einer längeren Diskussion nicht davon überzeugen, Lukas in ärztliche Obhut zu geben. Ihr Mann möchte es sich mit seiner Frau besser nicht verderben und hält sich zurück. Karina Klingbeil unterschreibt noch eine Erklärung, dass man den Sohn gegen den ausdrücklichen ärztlichen Rat in Kenntnis eines drohenden ernsthaften Gesundheitsschadens mitgenommen hat, dann verlässt die Familie das Krankenhaus.

Nur drei Tage darauf ruft Karina Klingbeil am späten Abend abermals die Notrufzentrale an: "Kommen Sie schnell, mein Sohn atmet nicht mehr!" Dasselbe teilt sie telefonisch ihrer Mutter, den Schwiegereltern und ihrem Mann mit, der sich bei einem Kunden aufhält. Um 18.51 Uhr findet die Notärztin Lukas auf dem Wickeltisch liegend: keine Atemtätigkeit, keine Kreislaufreaktion, kein Puls, die Pupillen weit, rund und ohne Lichtreflex. Karina Klingbeil erklärt der Ärztin, sie haben den Jungen zwei Stunden zuvor in sein Bett gelegt, und später, als sie nach ihm geschaut habe, habe er nicht mehr geatmet. Alle Versuche, das Leben des Jungen zu retten, schlagen fehl, auch später in der Klinik.

Die Notärztin trägt im Totenschein als Erstdiagnose "plötzlicher Kindstod" ein, wenngleich diese Einschätzung angesichts des untypischen Alters von Lukas, der ungewöhnlichen Auffindezeit und eines vergleichbaren Todesfalls in derselben Familie nur knapp zwei Monate zuvor eher zweifelhaft ist. Auch die hochspezialisierten Ärzte der Kinderklinik stehen nach ihren Untersuchungen vor einem Rätsel, eine Ursache für den Tod des Jungen können sie nicht finden. Letztlich verlässt man sich auf eine Obduktion, die eine abschließende Aufklärung der Todesursache erbringen soll.

Die benachrichtigten Kriminalbeamten können bei der äußeren Besichtigung des Leichnams keine äußeren Verletzungszeichen erkennen, die mit dem Sterbevorgang korrespondieren oder auf Gewaltanwendung hindeuten könnten.

Am nächsten Tag wird die Obduktion durchgeführt. Dabei gelingt es wiederum nicht, eine eindeutige Todesursache oder Erkrankung festzustellen, die todesursächlich gewesen ist. Insbesondere sind keine Anzeichen äußerer Gewalteinwirkung, die beispielsweise auf einen Erstickungsvorgang schließen lassen, vorhanden. Auch nach Abschluss ergänzender feingeweblicher und toxikologischer Untersuchungen kann der Rechtsmediziner nicht mit letzter Gewissheit sagen, woran Lukas gestorben ist. Aber: Der Junge hat nachweislich unter einer beginnenden Lungenentzündung gelitten, und diese Erkrankung könnte zu einem infektiös-toxischen Herz-Kreislauf-Versagen geführt haben. Könnte. Eine letztlich sichere Abgrenzung zum nach wie vor zu diskutierenden plötzlichen Kindstod gelingt jedenfalls nicht. Dabei geht der Rechtsmediziner jedoch, basierend auf älteren wissenschaftlichen Studien, irrig davon aus, dass ein plötzlicher Kindstod noch bis zum zweiten Lebensjahr auftreten könne.

Einen Tag nach der Beerdigung des Jungen offenbart Karina Klingbeil ihrem Mann, der nach dem Tod der Kinder wenigstens auf eine Fortsetzung seiner Ehe vertraut hat, dass sie schon vor einigen Monaten einen anderen Mann kennengelernt habe und bei diesem einziehen werde, und zwar sehr bald. Thomas Klingbeil versucht Karina vom Gegenteil zu überzeugen, doch er muss einsehen, dass er von dieser Frau die meiste Zeit nur finanziell ausgebeutet, belogen und betrogen worden ist. Einen Monat später reicht er die Scheidung ein.

Zweieinhalb Jahre später.

Es ist 21.45 Uhr, als an der Wohnungstür von Gereon Kramer, einem Jura-Studenten, heftig geklopft wird. Der 26-Jährige öffnet. Vor ihm steht seine Nachbarin. "Komm mal schnell rüber, mit dem Kleinen stimmt etwas nicht." Karina Vollmer, geschiedene Klingbeil, wirkt sehr aufgeregt. Gereon Kramer will selbstverständlich helfen und findet den anderthalbjährigen Marvin in seinem Bettchen liegend. Der Junge zeigt keine Reaktion und hält seine Händchen zu Fäusten geballt über dem Kopf. Während Karina Vollmer den Rettungsdienst alarmiert, versucht Gereon Kramer den Kleinen, dem immer wieder die Augen zufallen, wachzuhalten.

Das gegen 22 Uhr eintreffende Notarztteam findet Marvin mit getrübter Bewusstseinslage und sehr weit gestellten Pupillen vor, Arme und Beine kann der Junge aber noch spontan bewegen, auf Schmerzreize wird reagiert. Die Ärzte diagnostizieren einen Krampfanfall und bringen das Kind ins Krankenhaus.

Bei der körperlichen Untersuchung ergeben sich keine pathologischen Befunde, gleichwohl findet man Petechien (stecknadelkopfgroße Blutungen) an beiden Schläfen, der Stirn und vereinzelt im Nacken, die typisch sind für eine Hirnhauterkrankung oder Stoffwechselstörungen, aber auch für einen Erstickungsvorgang. In den folgenden Tagen wird mit dem Kind, das sich ungewöhnlich leicht von seiner Mutter trennen lässt, ein ausführliches Diagnostikprogramm absolviert, um der Sache auf den Grund zu gehen. Die Befunde sind jedoch unauffällig. Aufgrund der Familiengeschichte mit bereits zwei verstorbenen Geschwistern und wegen des merkwürdig distanzierten, kühlen, geradezu unbeteiligten Verhaltens der Mutter entsteht bei den Klinikärzten und Pflegern schließlich der Verdacht, dass Karina Vollmer versucht haben könnte, den Jungen zu ersticken.

Während der Vater des Kindes, ein von der Verdächtigen getrennt lebender Metallarbeiter, Marvin täglich besucht und lange mit ihm spielt, kommt die Mutter unregelmäßig und bleibt nur kurz - als müsse sie einen lästigen Pflichtbesuch hinter sich bringen. Die Ärzte diskutieren lange, was in dieser prekären Situation zu tun ist und wie der Junge wirksam gegen seine Mutter geschützt werden kann. Da aber weder die Obduktionsbefunde bei Sabrina und Lukas noch die Feststellungen bei Marvin zweifelsfrei auf Fremdeinwirkung hinweisen, wird die Kripo nicht informiert. Stattdessen wird die Einbindung des Jugendamtes für ausreichend gehalten, das man ausführlich über die bestehenden Verdachtsmomente und die zusätzlich schwierige Familiensituation mit Trennungsproblematik informiert.

Als Marvin aus der Klinik entlassen wird, macht die Sachbearbeitern des Jugendamtes noch am selben Tag einen unangekündigten Hausbesuch, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen. Eine Benachrichtigung der Kripo hält die Fachfrau derzeit für unangebracht, sie möchte zunächst die Familie kennenlernen und eine Vertrauenssituation aufbauen. Karina Vollmer zeigt sich indes sehr reserviert und unzugänglich, sie könne dieses Misstrauen nicht verstehen, sagt sie der Dame vom Jugendamt, man solle sie besser in Ruhe lassen und sich nicht einmischen.

Die Mitarbeiterin des Jugendamtes verfolgt die Angelegenheit nicht mit Nachdruck. Sie besucht Karina Vollmer und ihren Sohn einmal in der Woche, ohne dass es zu einer erkennbaren Verhaltensänderung bei der Mutter kommt, die ihren Sohn nach wie vor lieber zu den Eltern gibt, als sich selbst um ihn zu kümmern. Und als Karina Vollmer mehrere Termine beim Kinderarzt schwänzt, hat dies ebenfalls keine unmittelbaren Konsequenzen. Vielmehr überlegt die Mitarbeiterin des Jugendamtes trotz der latent lebensbedrohlichen Situation für Marvin, welche Förderungsmaßnahmen im Hinblick auf seine Sprachentwicklung vielleicht noch zu veranlassen sein könnten. Letztlich gehen das Jugendamt und der Kinderarzt nach gemeinsamer Erörterung davon aus, dass Marvins Mutter angesichts des gegen sie bestehenden Verdachts keinen erneuten Angriff gegen das Leben des Jungen unternehmen wird.

Karina Vollmer, die wieder einen neuen Lebensabschnittspartner gefunden hat, lassen all diese Bemühungen und Überlegungen völlig kalt, sie hat andere Pläne, von denen sonst niemand etwas weiß. Und Marvin spielt darin keine Rolle mehr, weil es ihn dann nicht mehr geben wird, jedenfalls wenn alles wie gewünscht geklappt hat. Karin Vollmer will endlich wieder frei sein und ungebunden, ein selbstbestimmtes Leben führen, fernab von ordinären Mutterpflichten.

Das Wochenende verbringt Marvin bei Oma und Opa. Er wirkt gesund und ausgeglichen, tobt in der Wohnung herum, spielt mit der Katze der Großeltern, hat einen ordentlichen Appetit und freut sich besonders, wenn er eine Bildergeschichte vorgelesen bekommt, am liebsten von "Bobo Siebenschläfer". Die Großeltern genießen die unbeschwerte Zeit mit ihrem Enkelkind.

Am frühen Sonntagabend holt ihn seine Mutter ab, die von Klaus Abel begleitet wird, ihrem neuen Freund, bei dem sie mittlerweile auch eingezogen ist. Man fährt in dessen Wohnung und verbringt einige Zeit miteinander. Als Klaus Abel kurz vor 20 Uhr zur nächsten Tankstelle fährt, um einige Flaschen Bier zu kaufen, geht Karina Vollmer zu Marvin, der bereits in seinem Bettchen liegt und schläft. Die Mutter nimmt ein Kissen und drückt es auf das Gesicht ihres Sohnes. Sie lässt auch nicht von ihm ab, als der Junge aufwacht und verzweifelt gegen seinen qualvollen Erstickungstod ankämpft. Minutenlang geht das so. Marvin beginnt zu krampfen, Arme und Beine zucken unablässig, doch Karina Vollmer kennt kein Erbarmen und gibt keinen Pardon. Diesmal drückt sie das Kissen so lange auf das Gesicht des Kindes, bis sie absolut sicher ist, Marvin getötet zu haben.

Als Klaus Abel zurückkommt, sagt ihm seine Freundin, er solle doch, während sie die Wäsche aus dem Keller die Wäsche heraufholt, auch kurz nach Marvin sehen. Der 32-Jährige geht wenig später ins Kinderzimmer, und er bemerkt sofort, dass der Junge so auffällig ruhig in seinem Bett liegt, wie tot. Klaus Abel ist misstrauisch geworden und versucht, den Puls des Kleinen zu ertasten - nichts. Er schaltet das Licht ein und sieht die blau angelaufenen Lippen des Kindes. In diesem Augenblick kommt Karina Vollmer ins Zimmer. "Was ist los?" Entsetzt zeigt Klaus Abel auf Marvin. "Er atmet nicht mehr!" Karina Vollmer ruft den Notdienst an, hebt Marvin aus seinem Bettchen, legt ihn im Wohnzimmer auf die Couch und beginnt mit der Wiederbeatmung. Wenige Minuten später übernimmt der Notarzt die Reanimation, doch weder er noch später die Ärzte in der Kinderklinik können Marvin ins Leben zurückholen, er ist tot. Im Notarzteinsatzprotokoll wird "plötzlicher Kindstod" vermerkt.

Routinemäßig meldet sich ein Kriminalbeamter in der Klinik. Die Kinderärztin teilt mit, dass dieser Sterbefall unbedingt näher untersucht werden müsse, da die bei dem vormaligen Krankenhausaufenthalt des Jungen festgestellten Punktblutungen bei einem Krampfanfall absolut untypisch seien und nur eine mechanische Einwirkung von außen als Ursache in Betracht komme.

Noch am selben Tag wird Marvin obduziert. Den auffälligsten Befund stellen dabei mehrere petechiale Hautblutungen dar, nämlich deutlich erkennbar in den Augenlidhäuten und in den Mundschleimhäuten, weniger stark ausgeprägt in der Schleimhaut des Unterlippen- und Oberlippenvorhofs. Daneben findet der Rechtsmediziner blasse Einblutungen in die Stirn- und Gesichtshaut sowie in der behaarten Kopfhaut der linken Schläfe und in der Gesichtshaut vor dem linken Ohr. Nach Auffassung des Gutachters sind die deutlich zu erkennenden rötlichen Punktblutungen zweifelsfrei dem aktuellen Todesgeschehen zuzuordnen, während die bereits verblassten Petechien aus einem zurückliegenden Ereignis resultieren müssen. Demzufolge könne der Verdacht eines Erstickungstodes sowie eines gleichgelagerten Geschehens zuvor nicht ausgeschlossen werden, resümiert der Gutachter.

Die Kripo geht noch einen Schritt weiter und beschuldigt Karina Vollmer, mindestens ihren Sohn Marvin getötet zu haben. Sie wird darauf hingewiesen, dass ein Fall des dreifachen plötzlichen Kindstodes in der Literatur noch nicht beschrieben worden sei, die den Todesfällen vorausgegangenen Klinikaufenthalte von Sabrina und Marvin, bei denen eine Ursächlichkeit für ein Krampfgeschehen nicht habe festgestellt werden können, auffällig, und alle Kinder von ihr unmittelbar nach deren Tod aufgefunden worden seien. Und es wird ihr vorgehalten, dass der Tod der Kinder sämtlich mit Beziehungsproblemen einhergegangen sei, ihr die Kinder wohl im Weg gewesen wären, sie andernfalls befürchtet habe, sich nicht neu binden zu können. Doch Karina Vollmer lässt sich von den Vernehmungsbeamten nicht beeindrucken und weist diese massiven Vorwürfe zurück, ungerührt, emotionslos, gelassen. "Ich habe meine Kinder nicht umgebracht. Mehr gibt es nicht zu sagen."

Die Staatsanwaltschaft sieht ebenfalls einen Tatverdacht gegen die Frau, doch wiegt dieser insbesondere aufgrund der vorsichtigen Formulierung des Rechtsmediziners im Gutachten nicht so schwer, um einen Haftbefehl beantragen zu können. Die Kripo zieht in den folgenden Monaten alle Register, vernimmt Zeugen, durchsucht Wohnungen, hört Telefone ab, doch überführt werden kann Karina Vollmer nicht, auch wenn eine Vielzahl von weiteren Indizien zusammengetragen werden können. Die mutmaßliche Serienmörderin genießt unterdessen ihre wiedergewonnene Freiheit, lässt sich mit einer Vielzahl von Männern ein, wird erneut schwanger und bringt einen Sohn zur Welt. Alles wie gehabt.

14 Monate später.

In einem Chatroom lernt Karina Vollmer "Jay-Jay" kennen. Der 45-Jährige ist freier Journalist und recherchiert für ein Buch über Chatgewohnheiten. Deshalb sucht er Kontakt zu Personen, die sich in diesem Milieu regelmäßig bewegen und über ihre Erfahrungen auch berichten wollen. Karin Vollmer ist so eine leidenschaftliche Chatterin, sie hofft, auf diesem Weg möglichst schnell einen neuen Mann kennenzulernen. "Jay-Jay", der im richtigen Leben Tobias Frommelt heißt und verheiratet ist, kommt für Karina Vollmer als potentieller Partner also nicht infrage, aber die beiden verstehen sich auf Anhieb gut, und es entwickelt sich ein reger Gedankenaustausch, erst online, später trifft man sich zu Gesprächen in Lokalen. Karina Vollmer bekommt für jedes Interview 50 Euro. Die Kontakte beschränken sich schließlich nicht mehr nur auf das Buchprojekt, man kommt sich näher, Karina Vollmer erkennt in ihrem Freund einen Seelenverwandten, dem sie auch Intimes anvertraut. Ihr geht es nicht - wie sonst üblich - um schnellen Sex oder die Anbahnung einer Liaison, die Beziehung basiert aus ihrer Sicht allein auf Sympathie, Vertrauen, gegenseitigem Verständnis und Freundschaft.

Irgendwann kommt Karina Vollmer auf den Tod ihrer drei Kinder zu sprechen. Sie berichtet davon, dass sie innerhalb von zweieinhalb Jahren drei liebe Menschen verloren habe, das erste Kind sei wegen eines Herzfehlers immer schon kränklich gewesen und man habe deswegen mit seinem frühen Tod rechnen müssen. Das zweite Kind, ein Mädchen, sei am plötzlichen Kindstod verstorben. Beim dritten Kind habe keine Todesursache gefunden werden können. Das sei alles sei sehr tragisch gewesen, versichert sie unter Tränen.

Das Eis ist gebrochen. Tobias Frommelt erzählt seiner Freundin, nachdem man sich nun mehr als ein Jahr lang regelmäßig getroffen hat, mit Anfang 20 seine Schwester getötet zu haben. Niemand habe etwas bemerkt, auch die Kripo nicht, er habe die damals 15-Jährige erstickt und anschließend auf dem Dachboden aufgehängt. Warum er dieses Verbrechen begangen hat, will er nicht sagen, noch nicht. Karina Vollmer reagiert gefasst und entgegnet nur, dass sie ihm bei passender Gelegenheit etwas Ähnliches anvertrauen wolle.

Zwei Wochen später macht die Frau ihre Ankündigung wahr und erzählt, dass ihre Tochter Sabrina keineswegs eines natürlichen Todes gestorben sei. Allerdings verschweigt sie, dass sie selbst die Täterin gewesen ist. Vielmehr sagt sie nur, dass die Diagnose "plötzlicher Kindstod" falsch gewesen sei und der Täter von ihr bis zum heutigen Tage gedeckt werde. Auf Nachfrage bezichtigt Karina Vollmer ihren damaligen Mann der Tat, sie habe bisher nur geschwiegen, weil er gedroht habe, sie umzubringen, sollte sie ihn verraten.

Vier Tage darauf bekommt Tobias Frommelt eine SMS, in der Karina Vollmer schreibt, dass sie ihn am nächsten Tag treffen wolle, unbedingt, sie müsse mit ihm über etwas reden, sie halte es nicht mehr aus, der Druck sei im Laufe der Jahre zu groß geworden, sie habe das Gefühl, sonst zu ersticken.

Man trifft sich im Stadtpark, und Karina Vollmer gesteht dem Journalisten-Freund, ihren Sohn Marvin erstickt zu haben. Tobias Frommelt reagiert weder empört noch entsetzt, zeigt vielmehr Verständnis, schlägt aber vor, sie möge doch zur Polizei gehen und alles sagen. Aber Karina Vollmer will nicht, keinesfalls. Dann lenkt sie das Gespräch auf ihre Tochter Sabrina. Auch hier habe sie beim Sterben nachgeholfen, sagt sie, dem Mädchen ein Kissen über den Kopf gelegt und nicht mehr losgelassen, bis es tot gewesen sei. Tobias Frommelt nimmt die Frau in die Arme und tröstet sie. Für heute ist es genug, man geht auseinander, verabredet sich jedoch für den nächsten Tag in Karinas Wohnung.

Tobias Frommelt sagt seiner Freundin zu Beginn dieses Gesprächs, er spiele schon seit längerer Zeit mit dem Gedanken, doch noch zur Polizei zu gehen und reinen Tisch zu machen, die Sache mit seiner Schwester endlich zu gestehen. Er könne im übrigen gar nicht begreifen, warum sie so überzeugt sei, dass man ihr nichts nachweisen könne. "Ich werde einen Teufel tun. Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass die mir nichts können", entgegnet die Frau ungerührt. "Die Bullen können mich 30 Jahre lang verfolgen. Auch wenn sie natürlich Recht haben, dass ich meine drei Kinder umgebracht habe, beweisen können sie mir nichts. Ich bin einfach zu schlau gewesen." In Karina Vollmers Stimme schwingt viel Stolz mit, ihre Augen leuchten triumphierend. Was sie in diesem Moment nicht weiß (…)



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