"Killerinstinkt"
Serienmördern auf der Spur

Taschenbuch
288 Seiten / 11,9 x 18,9 cm
ISBN 978-3548374772
€ 8,99


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Leseprobe

"ER HOLT DICH HEUT!"

Samstag, 14. August 1982.
Der knallrote VW Käfer hoppelt einsam über die holprige Autobahn, die Sonne geht gerade auf, der nahezu wolkenlose Himmel verspricht wieder einen wunderschönen Tag mit tropisch anmutenden Temperaturen, links fliegen Pinien vorbei, rechts hohe Oleanderbüsche. Nur hin und wieder sieht Heidi Jäger kurze Ausschnitte der kargen Landschaft, die nun immer bergiger wird. Bis zum Grenzübergang Evzoni/ Bogorodica sind es nur noch wenige Kilometer.

Heidi Jäger hat einen dreiwöchigen Strandurlaub in Griechenland hinter sich, die 25-Jährige reist allein zurück in die Heimat. Sie ist bereits um 3 Uhr losgefahren, bis nach Rüsselsheim sind es jetzt noch knapp 1.900 Kilometer. Heidi Jäger hat sich kurz vor dem Griechenlandtrip von ihrem Freund getrennt, mit dem sie gemeinsam in einer Werbeagentur arbeitet. Die Trennung hat ihr arg zugesetzt, zumal schon von Heirat die Rede war. Doch die Affäre ihres Freundes mit einer anderen Frau - ausgerechnet der Nachbarin - hat ihr die Augen geöffnet.

Gegen 6.30 Uhr erreicht sie die Grenzstation. Die griechischen Zöllner kontrollieren nur kurz den Reisepass und lassen die junge Frau weiterfahren. Auf der jugoslawischen Seite werden ihr jedoch von den Grenzschutzbeamten Zeichen gegeben, bis zu einem nahen Kontrollpunkt zu fahren. Zwei uniformierte junge Männer mit Maschinenpistolen auf dem Rücken bitten sie dort, auszusteigen, lassen sich den Pass aushändigen und durchsuchen ihren Wagen.

Als die Zollbeamten ihr nach fünf Minuten den Pass zurückgeben und die Suche in ihrem Wagen aufgeben, erlebt Heidi Jäger eine Überraschung: Ob sie bereit sei, einen Reisenden nach Deutschland mitzunehmen, wird sie in gebrochenem Englisch gefragt. Einer der Grenzer zeigt auf einen jungen Mann, der zwanzig Meter weiter etwas verloren am Straßenrand steht, ohne Gepäck.

Heidi Jäger schaut kurz hinüber zu dem Unbekannten, überlegt einen Moment und lehnt ab. Sie möchte keinen Fremden mitnehmen. Der Beamte lässt aber nicht locker und weist eindringlich darauf hin, die Frau des Mannes habe ihn nach einem Streit an einer Tankstelle kurz hinter der jugoslawischen Grenze einfach stehen lassen und sei davongefahren. Der Mann brauche jetzt unbedingt Hilfe, weil er kein Geld mehr habe und sonst nicht nach Deutschland zurückkehren könne.

Der Grenzpolizist erzählt die Hintergrundgeschichte allerdings mehr im Befehlston, und auch Mimik und Gestik lassen erahnen, dass er eine erneute Absage nicht akzeptieren wird. Heidi Jäger nimmt normalerweise keine männlichen Tramper mit, die Gefahr, vielleicht doch an einen üblen Typen zu geraten, nimmt sie sehr ernst. Erst vor anderthalb Jahren ist ihre jüngere Schwester von einem Autofahrer vergewaltigt worden, der sie nach einem Diskothekenbesuch an einer Landstraße aufgelesen hatte.

Aber jetzt liegen die Dinge anders, überlegt Heidi Jäger. Schließlich ist der Mann in eine Notsituation geraten und benötigt Hilfe. Außerdem ist die Fahrt durch Jugoslawien derzeit eine heikle Angelegenheit, es herrscht Benzinknappheit, und entlang der Autobahnen soll es in der jüngeren Vergangenheit zahlreiche Überfälle auf Urlauber gegeben haben. Da könnte ein Reisebegleiter durchaus nützlich sein. Schließlich ist sie einverstanden, der Mann darf mitfahren.

Heidi Jäger ist ihr großgewachsener und adrett aussehender Begleiter durchaus sympathisch. Thomas Graber stellt sich als 29-jähriger BWL-Student der Universität in Hamburg vor. Das sei schon eine verrückte Geschichte, erzählt er kopfschüttelnd und mit versteinerter Miene, seine Frau und er hätten sich mal wieder über finanzielle Dinge gestritten, sie habe wenig später an einer Raststätte den Wagen betankt, er sei währenddessen auf die Toilette gegangen, und als er wieder zurückgekommen sei, habe er seinen Augen nicht getraut: weggefahren sei seine Frau, einfach weggefahren, ohne Vorwarnung, ohne ein weiteres Wort.

"Ich hatte so eine Geschichte ein paar Wochen vorher in der Zeitung gelesen, sonst wäre ich da gar nicht drauf gekommen. Die Zöllner haben mir das sofort geglaubt. Ich konnte denen ja schlecht erzählen, dass ich auf der Suche nach einem Opfer war und die Karre endgültig ihren Geist aufgegeben hatte. In Hamburg und Umgebung habe ich zu dieser Zeit nicht mehr nach Frauen gesucht, das war mir zu gefährlich geworden. Da bin ich einfach mal in Richtung Süden gefahren und habe mich treiben lassen. Die Autobahnstrecke von Österreich über Jugoslawien nach Griechenland kannte ich von mehreren Reisen mit meinen Eltern."

Er habe noch eine Weile auf seine Frau gewartet, dann sei er zu Fuß zum jugoslawischen Grenzposten zurückgelaufen, berichtet Thomas Graber jetzt der jungen Frau neben ihm. Der unauffällig gekleidete Mann, der seine schulterlangen schwarzen Haare zu einem Zopf zusammengebunden hat, bedankt sich nochmals bei Heidi Jäger, er könne ihre Bedenken durchaus verstehen, versichert er, als attraktive Frau sei sie gewiss von Männern einiges gewohnt.

"Sie war genau mein Typ: ungefähr mein Alter, schlank und große Brüste. Mit flachbrüstigen Frauen kann ich überhaupt nichts anfangen."

Nach dem Abitur habe er eine Banklehre begonnen, aber schon bald abgebrochen, plaudert der angeblich Zurückgelassene weiter, später sei er zwei Jahre Taxi gefahren, um sich das Geld für ein Elektrotechnikstudium an der Volkshochschule in Hamburg zu verdienen. Sein Vater sei früh gestorben, mit seiner Mutter habe er sich nicht verstanden, deshalb sei er bereits als 18-Jähriger darauf bedacht gewesen, für sich selbst sorgen zu können. Nach dem Studium sei er bei IBM untergekommen, anderthalb Jahre später habe man seinen Arbeitsvertrag jedoch nicht verlängert. Deshalb sei er auf die Idee gekommen, in Hamburg Betriebswirtschaftslehre zu studieren, auch weil er in dieser Zeit eine Erbschaft gemacht und genügend Geld zur Verfügung gehabt habe, nachdem seine vermögende Mutter gestorben sei.

"Was ich der Frau über mich erzählt habe, stimmte. Ich musste die Frau gar nicht anlügen. Für mich war klar, dass die stirbt. Für mich war die schon tot."

Thomas Graber achtet während der Fahrt nicht auf den Verkehr, sondern redet und redet. Heidi Jäger bemerkt gar nicht, dass der nette Beifahrer nicht nach seiner Frau Ausschau hält, auch nicht, als sie an einer Tankstelle halten und einen Kaffee trinken. Und es kommt ihr auch nicht seltsam vor, dass Thomas Graber einen eher fröhlichen Eindruck macht, obwohl er doch erst kurz vorher von seiner Frau so im Stich gelassen wurde.

"Während wir gefahren sind, habe ich mir vorgestellt, was ich mit ihr machen werde: anhalten, bedrohen, ausziehen, vergewaltigen, erwürgen, das Messer nehmen und ihr die Brüste abschneiden. Vielleicht auch den Bauch aufschlitzen."

Die beiden sind jetzt etwa eine Stunde unterwegs, als Heidi Jäger von sich zu erzählen beginnt. Dass sie im Urlaub einen 36 Jahre alten Bankmanager kennengelernt hat, der in Köln wohnt. Gut aussehend, gut situiert, eigentlich eine gute Partie. Doch will sie sich noch Zeit lassen, bevor sie eine neue Beziehung beginnt.

"Ich habe ihr gar nicht richtig zugehört, immer nur mit einem Ohr. Ich habe mir überlegt, wie ich weiter vorgehen wollte. Auf der Autobahn konnte ich nichts machen, dafür waren da zu viele Leute. Es war auch noch zu hell. Von der Autobahn runterfahren wäre eine Möglichkeit gewesen, aber dafür gab es keinen Grund. Mir ist dazu auch nichts eingefallen."

Heidi Jäger schlägt vor, nicht im Auto zu übernachten, sondern in einem Hotel, am besten erst hinter der jugoslawischen Grenze, vielleicht in der Nähe von Graz, die Strecke könne man bis 22 Uhr oder 23 Uhr durchaus schaffen. Thomas Graber ist einverstanden.

"Das war mir ganz recht. Ein Hotelzimmer erschien mir für meine Zwecke besser geeignet. Ich wollte mich an ihr richtig austoben. In ihr Zimmer zu kommen, wäre sicher kein Problem, habe ich gedacht. Ich hatte schon das Gefühl, dass sie mir vertraute."

Thomas Graber bietet seinem Opfer in spe an, sie für eine Zeit lang als Fahrer abzulösen. Heidi Jäger geht auf das Angebot gerne ein, sie sitzt jetzt seit mehr als neun Stunden bei brütender Hitze hinter dem Steuer und spürt die Müdigkeit. Am nächsten Rastplatz halten sie aber erst einmal, um etwas zu essen, für der Weiterfahrt tauschen sie dann die Plätze. Heidi Jäger macht es sich auf dem Beifahrersitz gemütlich, unterhält sich noch eine Weile mit ihrem Begleiter, doch schon bald übermannt sie der Schlaf.

"Als sie eingenickt war, konnte ich sie mir mal in Ruhe ansehen. Eine wirklich hübsche Frau. Ich konnte mich gar nicht richtig auf den Verkehr konzentrieren, am liebsten hätte ich irgendwo angehalten und wäre gleich über sie hergefallen. Aber das war mir nicht sicher genug. Ich hätte die Situation nicht unter Kontrolle gehabt. Das war mir wichtig."

Als Heidi Jäger wieder aufwacht, ist etwa eine Stunde vergangen, sie befinden sich jetzt ungefähr fünfzig Kilometer vor Zagreb, bis zur österreichischen Grenze sind es noch anderthalb Stunden Fahrt. Ob sie sich denn in Deutschland mal treffen können, fragt Thomas Graber irgendwann. Heidi Jäger ist nicht abgeneigt, sagt aber nur, dass sie es sich überlegen will. Sie könnten gern am Ende der Reise die Telefonnummern austauschen und dann weitersehen. Abgemacht.

"Ich habe versucht, die Frau über die Gespräche unter Kontrolle zu kriegen. Sie sollte das Gefühl bekommen, dass ich ein netter Typ bin, harmlos."

Heidi Jäger ist mittlerweile froh, so einen netten und gescheiten Mann kennengelernt zu haben, mit dem sie sich prima unterhalten kann und der ihr auch ein Gefühl von Sicherheit vermittelt. "Ich hatte die Tat schon im Kopf. Das musste so ablaufen, dass die Frau richtig Panik kriegt. Sie sollte sich vor mir fürchten wie die anderen Opfer auch. Ich wollte die Todesangst in ihren Augen sehen. Die Vorfreude darauf gab mir ein fantastisches Gefühl, einfach so über den Dingen zu stehen und die nach meiner Pfeife tanzen zu lassen. Das musste einfach so sein, weil meine Fantasien auch so waren."

An der Ausfahrt Graz-Webling verlassen sie die Autobahn, bis zum Hotel Krone sind es nur noch zwei Kilometer. Heidi Jäger kennt das Hotel, sie hat hier vor Jahren einmal übernachtet, als sie mit ihren Eltern aus einem Urlaub in Griechenland zurückkam. Sie findet es selbstverständlich, ihrem Begleiter, der behauptet, sein Portemonnaie im eigenen Wagen gelassen zu haben, das Geld für die Übernachtung vorzustrecken.

"Mein Portemonnaie hatte ich die ganze Zeit in meiner Jacke. Ich habe die Frau angelogen, um meine Geschichte noch glaubwürdiger zu machen."

Nach dem Einchecken geht jeder auf sein Zimmer, ohne vorher noch etwas zu essen. Es ist jetzt 23.30 Uhr. Da das Restaurant bereits geschlossen hat, muss eben die Minibar herhalten. Aber Thomas Graber ist auch gar nicht hungrig, er giert nach etwas ganz anderem. Nachdem er zur Toilette gegangen ist und sich dort frisch gemacht hat, übt er noch einige Male vor dem Spiegel und zieht das Messer blitzschnell aus seinem Beinhalfter. Es muss gleich alles ganz schnell gehen, will er so erfolgreich sein wie bei seinen anderen Opfern.

Um 23.50 Uhr verlässt er sein Zimmer und steht wenige Herzschläge später vor Heidi Jägers Tür.



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