"Aus reiner Mordlust"
Der Serienmordexperte über Thrill-Killer

Taschenbuch
247 Seiten / 11,9 x 18,9 cm
ISBN 978-3-426-78616-1
€ 8,99


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Leseprobe

"Maximalphantasie"

Jonas Klingbeil hat schon reichlich getrunken, wie viele Gläser Bier es waren, weiß er nicht, vielleicht sieben oder acht. Der 23-Jährige ist allein unterwegs, wie immer, und beobachtet verstohlen die Gäste, auch wie immer, vor allem die weiblichen. Alles wie gehabt. Er gibt der Kellnerin ein Zeichen. Bald steht das nächste Glas Bier vor ihm auf dem Tresen. Er schaut der Bedienung hinterher. Die vielleicht? Seine Gedanken schweifen ab.

Das war in der ersten Zeit, da war ich vielleicht sieben oder acht Jahre alt, keine konkreten Phantasien. Das war eher ein Abgleiten oder ein Übergang in eine andere Ebene, also mehr nach innen gerichtet. Das funktionierte nur, wenn ich alleine war. Das war so, als wenn ich mich nach außen hin abgeschaltet hätte, also um mich herum nichts mehr wahrgenommen habe. Tagtraum ist wohl der richtige Begriff dafür. Einfach eine Welt, in die man flüchten kann, wo man nicht geärgert wird, wo einem keiner was kann. Ich war dann umgeben von Farben oder Landschaften, Sonne, Meer. Es war warm und angenehm. Da waren aber keine Personen. Ich konnte mich selbst nicht sehen. Das hat mich sehr beruhigt. Das war richtig gut. Ich fühlte mich da irgendwie sicher.

Seit Jahren ist er von dieser Vorstellung regelrecht besessen. In seiner Phantasie ist es schon x-mal passiert. Da ist er ein überaus erfolgreicher Jäger, der keine Gnade kennt. Ein Zerstörer. Ein kaltblütiger Killer. Jetzt sitzt er wieder in einer Kneipe und kämpft mit sich: Soll ich? Wo? Wen? Wann? Nur wie er sein Opfer töten will, das steht fest. Das muss so sein. Anders geht es nicht.

Irgendwann gab es eine Veränderung. Aus den Träumereien wurden bestimmte Situationen und Handlungen, die ich beeinflussen konnte. Ich war jetzt nicht mehr einfach nur anwesend, also Teil eines Geschehens, sondern konnte die Personen beeinflussen. Die mussten dann das machen, was ich wollte. Es waren aber keine vollständigen Bilder wie im Fernsehen, sondern das war irgendwie abstrakt, so einzelne Szenen. Ich gebe mal ein Beispiel: Meine Mutter kommt in mein Zimmer, wenn ich bei den Hausaufgaben bin, und schaut mir über die Schulter. In der Wirklichkeit gab es dann regelmäßig Gemotze, in meiner Phantasie aber nicht. Die ging einfach wieder raus und sagte nichts. Das war für mich eine einschneidende Erfahrung. Ich konnte die Realität verformen, und zwar in meinem Sinne. Deshalb war ich ab diesem Zeitpunkt häufiger als vorher in dieser anderen Welt. Wenn ich eine schlechte Phase hatte, dann war ich fast ständig dort.

Er trinkt das Bier aus und bezahlt, verlässt die Kneipe, schlurft Richtung Henselmann-Arkaden. Es wird allmählich dunkel. Jonas Klingbeil schaut auf die Uhr: 17.15 Uhr. Das großflächige Einkaufszentrum wurde vor drei Jahren gebaut und befindet sich südöstlich der Innenstadt. Nur noch fünf Gehminuten, dann ist er da. Das ehemalige Künstlerviertel entwickelte sich zu einem vielbesuchten Shoppingcenter, und er ist gerne dort. Da kennt ihn niemand. Vor allem erkennt ihn niemand. Anonymität bedeutet für ihn Schutz und Sicherheit. Niemand achtet auf ihn. Niemand interessiert sich dafür, was er denkt, fühlt, begehrt. Das würde auch niemand verstehen. Das nicht.

Meine Phantasien als Junge im Alter von zehn oder elf Jahren waren keine vollständigen Bilder wie im Fernsehen, also mit Personen und einer bestimmten Umgebung. Es war eher so, dass ich wusste, wer das war und wo ich mich mit dieser Person befand. Mehr konnte ich eigentlich nicht sehen. Das hat mich auch nicht interessiert. Es war also kein klares Bild, sondern eher verschwommen. Entscheidend war für mich, dass ich diese Person, manchmal war es auch eine Gruppe, beeinflussen konnte, also in meinem Sinne. Ich fühlte mich dadurch stark und irgendwie auch unbesiegbar. Keiner kam an mich ran, aber umgekehrt schon.

Die lichtdurchfluteten Ladenstraßen mit Rotunden und Springbrunnen befinden sich auf vier Ebenen der Einkaufsgalerie. Zielstrebig durchquert er das weitläufige Gebäude im Parterre, die zahlreichen Lebensmittelgeschäfte und Fachmärkte links und rechts interessieren ihn nicht. Er nimmt die Rolltreppe. Im ersten Stock angekommen, stellt er sich an das Geländer und hält Ausschau; wie ein Jäger auf seinem Hochsitz. Seine Augen kleben förmlich an Frauen, die ihm gefallen und die er gerne töten würde.
Als er sich sattgesehen hat, führt ihn sein Weg ins "Pavillon", eine eher unauffällige Kneipe, etwas versteckt gelegen am Ende der Ladenzeile, keine 20 Meter entfernt. Er verkehrt hier nicht regelmäßig. Dadurch will er vermeiden, dass man sich an ihn erinnert, wenn es passiert. Jonas Klingbeil realisiert mittlerweile, dass es passieren wird. Es ist nur noch eine Frage der Zeit. Und einer sich bietenden Gelegenheit.

In meiner Phantasie habe ich bestimmte Personen zu einer bestimmten Handlung gezwungen. Damit meine ich, dass die nicht nur machen mussten, was ich wollte, sondern die wurden von mir auch beschimpft oder beleidigt. Ich habe die richtig zur Sau gemacht. Das waren immer die Leute, die mich in der Schule beleidigt oder verprügelt haben. Zum Schluss lagen die auf dem Boden und haben mich mit weit aufgerissenen Augen angeglotzt. Da konnte ich mich richtig reinsteigern. Das mit dem Auf-dem-Boden-Liegen musste so sein, das war schon irgendwie zwanghaft. Sonst hätte es mir nichts gebracht, also kein gutes Gefühl. Diese Phantasien waren für mich so eine Art Ausgleich. Gedacht habe ich mir dabei nichts. Ich fand das normal.

Jonas Klingbeil ist jemand, der nicht auffällt, an dem man eher vorbeischaut: 1,75 Meter groß, schmale Statur, dunkelbraunes, akkurat nach links gescheiteltes Haar, schlitzartige, dunkle Augen, dickrandige Brille mit Horngestell, leicht nach unten gebogene Nase, schmale Lippen, blasse Gesichtsfarbe. Ein Jedermann.
Noch ein Bier. Er schaut sich um. Frauen in Begleitung scheiden aus. Zu gefährlich. Genau genommen ist es ihm egal, wie eine Frau aussieht. Er ist nicht fixiert auf einen bestimmten Typ, nur fraulich sollte sie sein. Und nicht unbedingt jünger als er, eher älter.

Mädchen spielten in meinen Phantasien erst eine Rolle, als ich in die Pubertät kam, als ich mir des anderen Geschlechts bewusst wurde. Es war ja nicht so, dass ich bei denen gut angekommen wäre. Das habe ich schon gemerkt. Das Interesse meinerseits war schon da. Ich wollte auch mal mit einem Mädchen in Kontakt kommen, auch sexuell. Wobei ich mir darunter erst mal nicht sehr viel vorstellen konnte. Meine Klassenkameraden haben mir davon aber immer vorgeschwärmt, wie toll das ist. Aber es war eben so, dass ich mich nicht getraut habe. Ich hatte große Angst, abgewiesen zu werden und wie der letzte Depp dazustehen. Und dann habe ich angefangen, Mädchen in meine Phantasien einzubauen. Das Sexuelle spielte erst mal keine Rolle. Es ging mehr darum, die Mädchen zu unterdrücken, denen meinen Willen aufzuzwingen. Ich war ganz oben, die waren ganz unten.

Die Zeit geht dahin. Gegen 19.30 Uhr verlässt Jonas Klingbeil etwas missmutig das Lokal und fährt mit dem Fahrstuhl ins Untergeschoss des Einkaufszentrums. Dort wird zurzeit umgebaut, nur die öffentlichen Toiletten können benutzt werden. Ein ziemlich unwirtlicher Ort.
Kein Mensch ist zu sehen. Stille. Irgendwie unheimlich, denkt er. Andererseits bieten sich ihm aus seiner Sicht hier ideale Rahmenbedingungen, um eine Frau zu überfallen und zu töten. Niemand würde etwas sehen oder hören. Niemand käme ihm in die Quere. Jetzt fehlt nur noch ein Opfer.
Jonas Klingbeil wartet also. Fünf Minuten. Zehn Minuten. Eine Viertelstunde. Außer einer Familie, die mit dem Fahrstuhl heruntergefahren kommt und sich wohl in der Etage geirrt hat, kommt niemand. Irgendwann verlässt ihn der Mut. Kein Verlangen mehr. Kein Kribbeln. Keine Geilheit. Schließlich geht er wieder nach oben und setzt sich im Erdgeschoss auf eine Bank. Er wartet, beobachtet, wägt ab.

Die Mädchen, die ich in meiner Phantasie zu einem bestimmten Verhalten gezwungen habe, waren identisch mit denen, die ich nett fand, die mich aber ignoriert haben oder die abweisend zu mir waren. Andere Mädchen waren für mich uninteressant. Es war also so, dass von diesem Mädchen irgendwas Negatives in meine Richtung kam. Eine blöde Bemerkung oder so. Oder dass die mich so blöd angeguckt hat, dass ich wusste, was die von mir hält: nichts. Genau die hab ich mir dann in meiner Phantasie vorgenommen. Die mussten sich aber wehren. Ich habe die dann an den Haaren gezogen, auch mal geschlagen, übel beschimpft. Die nächste Stufe war, dass ich denen die Kleider vom Leib gerissen habe. Die Nacktheit war mir wichtig, weil das Mädchen mir dann besonders hilflos vorkam. Am wichtigsten war mir aber, dass die Angst vor mir hatten. Die mussten vor mir zittern. Ich musste die Panik in den Augen der Mädchen sehen können. Dieses Ausgeliefertsein. Ich habe die Macht über dich! Nur das hat mich befriedigt.

Als Jonas Klingbeil geradezu stoisch auf der Bank verharrt und überlegt, wie er die Tat begehen will, erinnert er sich unwillkürlich an eine Reportage, die er kürzlich bei einem Regionalsender gesehen hatte. Darin wurde berichtet, wie drei Jugendliche eine ältere Frau in einem Park überfallen, beraubt und anschließend getötet haben. Wenn er einmal so weit ist, denkt er, dann wird er sich nicht so dumm anstellen. So etwas wird ihm bestimmt nicht passieren. Ihm nicht.
Gerade als Jonas Klingbeil von der Bank aufstehen will, um sich einen anderen Standort zu suchen, geht eine ziemlich auffällig gekleidete und recht attraktive Frau an ihm vorbei. Ihr Alter schätzt er auf Anfang 30. Er bleibt sitzen und schaut der Frau hinterher. Sie benutzt nicht den Fahrstuhl oder die Rolltreppe, sondern steuert auf die Treppenanlage zu. Dann geht sie - nach unten!

Sexuelle Dinge kamen erst dazu, als ich zu onanieren anfing. Es war so, dass ich mir dann zum Beispiel vorgestellt habe, wie ich ein Mädchen in der Disko kennenlerne. Wir reden so, die findet mich nett. Wir tanzen miteinander. Dann möchte sie, dass ich sie nach Hause bringe. Das muss so sein. Dass sie mir vertraut, ist sehr wichtig. Wir gehen bei Dunkelheit durch einen Park. Erst bin ich noch nett, dann rede ich nur noch im Befehlston. Stehenbleiben! Fresse halten! Wenn du nicht stillhältst, bringe ich dich um! Das Mädchen wehrt sich, ich überwältige sie aber. Sie liegt auf dem Boden. Dann reiße ich ihr die Klamotten runter. Sie liegt nackt vor mir und hat eine Riesenangst. Dann stehe ich auf und onaniere zwischen ihren Beinen. Genau an dieser Stelle kam ich zum Höhepunkt, also in der Realität.

Jonas Klingbeil steht auf und folgt der Frau. Jetzt oder nie! Das Adrenalin schießt ihm ins Blut. Er geht die Treppen hinunter. Die Frau ist nicht zu sehen. Sie kann eigentlich nur in der Damentoilette sein. Er dreht sich um und schaut, ob ihm jemand gefolgt ist.
Dann steht er vor der Damentoilette. Aufgeregt. Das Herz schlägt ihm bis zum Hals. Angriffsmodus. Er will die Frau nicht vergewaltigen, nicht missbrauchen, auch nicht quälen - einfach nur töten, auslöschen, beobachten, wie sie stirbt. Solch eine Chance ergibt sich so schnell nicht wieder. Die muss es sein. Die oder nie!

Im Grunde habe ich die Phantasien jeden Tag ausgelebt, so mit 15, 16 Jahren wurde es deutlich mehr, manchmal drei bis vier Mal am Tag. Weil ich an Mädchen nicht rangekommen bin, hat sich da schon ziemlich viel Frust angestaut. Es war so, dass ich irgendwie immer unter Strom stand, ich hatte so ein Druckgefühl, als wenn mir etwas auf der Seele liegt. Reden konnte ich mit niemandem über meine Probleme. Ich kam mir vor, als wäre ich lebendig begraben, könnte man sagen. Die einzige Möglichkeit, diese negativen Gefühle loszuwerden, waren meine Phantasien. Das hat mir schon Erleichterung verschafft. Es hat aber nicht lange angehalten. Dann ging es wieder los.

Er hat jetzt sein Bowie-Messer in der Hand. Das muss so sein, weil er sich die Sache immer so ausgemalt hat: mit dem Messer drohend, die Frau panisch, er dominant, sie unten, er oben. Machtvoll. Ein ganz bestimmtes Szenario. Genau das hat er jetzt im Kopf. Genau das will er machen.
Vorsichtig lugt er um die Ecke. Die Frau steht mit dem Rücken zu ihm am Waschbecken. Das Wasser läuft. Die Frau ist so sehr mit Hände waschen und Lippenstift nachziehen beschäftigt, dass sie Jonas Klingbeil gar nicht bemerkt. Jedenfalls schätzt er die Situation so ein.

Neue Anregungen habe ich durch Videos bekommen. Da gab es in einem Horrorfilm eine Szene, die hat mich besonders angemacht: Ein Mann fährt mit seinem Wagen auf einer einsamen Landstraße. Dann taucht eine junge Frau auf, die am Straßenrand steht und mitgenommen werden möchte. Der Mann lässt die Frau einsteigen und fährt weiter. Es beginnt eine Unterhaltung. Dann biegt der Wagen in einen Feldweg ab. Der Mann zückt ein großes Bowie-Messer und zwingt die Frau auszusteigen. Die Frau wehrt sich. Der Mann schlägt die Frau brutal zusammen. Dann steht die Frau an einem Baum. Der Mann ist bei ihr und schneidet der Frau mit dem Messer die Klamotten vom Leib. Dann schaut er die Frau eine Weile verächtlich an. Die Frau hat große Angst. Ohne ein Wort zu sagen, schlitzt der Mann der Frau die Kehle auf. Diese Szene hat mich stark beeindruckt. Sie passte genau in mein Schema, also meine Phantasien. Danach habe ich mir immer vorgestellt, dass ich der Mann mit dem Bowie-Messer bin.

Er mustert sie: dunkelblonde Haare, schulterlang, lockig, knallrote Steppjacke, hautenge Jeans, hochhackige Schuhe. Er könnte jetzt über sie herfallen. Er dreht sich nochmals sichernd um. Plötzlich dreht sich aber auch die Frau um. Und mit dem, was sein eigentliches Opfer nun tut, hat er nicht gerechnet, damit nicht. Das kann doch nicht sein!



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