Ein unfassbares Verbrechen
Der Fall Monika F.

Gebunden mit Schutzumschlag
255 Seiten / 13,5 x 20,8 cm
ISBN 978-3-7700-1281-7
€ 19,95


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Leseprobe
KAPITEL EINS

"Die Gewalt besitzt nicht halb so viel Macht wie die Milde."
Samuel Smiles, Charakter


Der Tag, der alles verändert

"Da war eine Frau, gesichtslos. Und da waren einige Männer, auch gesichtslos. Keiner wollte sich mit der Frau abgeben. Ich fand sie sympathisch, reizend. Gerne hätte ich mit ihr geflirtet. Doch irgendwie konnte ich sie nicht erreichen."
Es ist der 7. Oktober 2006, ein Samstag, gegen 6.10 Uhr. Andreas schreckt hoch. Es braucht eine Zeit, bis er versteht. Jetzt hört er das Schellen. Schlaftrunken schleppt der 38-Jährige sich eine Etage tiefer ins Wohnzimmer. Er beeilt sich. Das muss Monika sein, sie hat bestimmt etwas vergessen, vermutet er. Sie sollte eigentlich schon im Krankenhaus sein. Seine Frau arbeitet im Klinikum Bayreuth, Station 35, Gefäßchirurgie, fünf bis sieben Tage Schichtdienst im Monat. Damit man über die Runden kommt. Für Monika ist es aber auch eine willkommene Abwechslung - mal raus aus dem Familienalltag.
Dann hat er den Hörer in der Hand. Es ist die Stationsschwester. Monika sei noch nicht da, sagt sie. Ob sie wohl verschlafen habe?
Andreas läuft mit dem Hörer in der Hand wieder hoch, vorbei an den Zimmern der Kinder. Lea* und Nico* schlafen noch. Beim Hasten zum Telefon hat er nicht darauf geachtet, ob Monika vielleicht noch neben ihm liegt. Vielleicht hat sie verschlafen. Vielleicht hat der Wecker nicht geschellt. Vielleicht! Er braucht Gewissheit.
Das Bett ist ordentlich zurückgeschlagen. Er legt seine linke Hand aufs Bett, tastend, prüfend. Nicht mehr warm, denkt er. Monika muss schon eine Weile weg sein. Das sagt er ihrer Kollegin. Die sorgt sich. Monika sei doch sonst so zuverlässig. Andreas weiß das. Gerade er.
"Moni plante für den Weg zur Arbeit stets ein Übermaß an Zeit ein, sodass sie schon vor Dienstbeginn die Arbeitsstelle erreichte. Sie war auch sonst sehr verlässlich, genoss bei anderen großes Vertrauen. Jeden Termin hielt sie peinlich genau ein."
Er sagt noch, dass er versuchen wolle, sie über Handy zu erreichen. Dann legt er auf und wählt Monikas Nummer. Die Verbindung baut sich auf, es klingelt, fünf Mal, zehn Mal. Er ist ungeduldig und unterbricht die Verbindung, prüft die eingetippte Zahlenreihe, wählt neu. Doch wieder hebt niemand ab. Ein ihm wohlvertrautes Gefühl versucht von ihm Besitz zu ergreifen: Angst. Er legt sich ins Bett, denkt nach. Wo bist du? Was machst du? Warum bist du nicht in der Klinik? Warum gehst du nicht ans Telefon? Moni, was ist los!
Andreas wehrt sich gegen dieses unangenehme Kribbeln im Bauch. Dass Monika sich mal verspätet hat oder nicht zu erreichen gewesen war, das ist ja schon mal vorgekommen. Einerseits. Andererseits ist soetwas erst drei Mal passiert, in all den Jahren.
"Das waren Shopping-Ausflüge mit Freundinnen. Anschließend gab es ein spontanes Kaffeetrinken oder sie ging mit den Frauen etwas essen. Einmal war sie mit den Kindern unterwegs. Da hat es einfach etwas länger gedauert. Als sie dann damals später kam und ich ihr erzählte, dass ich mir große Sorgen um sie gemacht hätte, sagte sie nur: ‚Was soll denn schon passiert sein?' Genau: Was soll denn schon passiert sein? Jetzt nur nicht nervös werden, dachte ich mir. Was soll schon passiert sein…"
Gerade als er glaubt, sich wieder freigeschwommen zu haben, schwappt ein Gedanke wie eine Welle über ihm zusammen: Moni ist doch nie zu spät zur Arbeit gekommen. Noch nie! Andreas wählt abermals ihre Handy-Nummer. Wieder meldet sie sich nicht. Jetzt wird es ihm zu viel. Er will Gewissheit. Wo ist Monika?
Er ruft die Polizei an, erzählt, dass seine Frau überfällig sei, sie habe über die A 9 fahren müssen, ob denn ein Unfall passiert sei oder man etwas von einem Stau wisse. Der Beamte verneint. Und im Stadtgebiet, hat es vielleicht da einen Unfall gegeben, fragt Andreas nach. Er wird an die Stadtpolizei in Bayreuth verwiesen. Die können aber auch nicht weiterhelfen. Andreas teilt Monikas Autokennzeichen und seine Telefonnummer mit. Vorsichtshalber, für alle Fälle.
Jetzt schält sich aus den ihn heimsuchenden Gedanken und Befürchtungen eine Überlegung heraus, die von Minute zu Minute realistischer und somit auch wahrscheinlicher wird: es muss etwas passiert sein. Er schaut auf die Uhr. 6.30 Uhr. Jetzt wird sie doch wohl endlich in der Klinik angekommen sein. Sie muss! Hoffnung keimt auf. Er ruft an. Jetzt doch. Geh ran. Wieder nur die Stationsschwester. Wieder dieselbe Auskunft. Beunruhigend. Niederschmetternd.
"Ein Gefühl der Hilflosigkeit überkam mich - so eine Wut, eine Situation nicht bestimmen oder wenigstens beeinflussen zu können."
Andreas hält es nicht mehr aus. Er will Monika hinterher fahren, nach ihrem Auto suchen, sie finden. Er will etwas unternehmen, er muss. In der Küche findet er ein Stück Papier und schreibt: "Bin kurz weg, komme gleich wieder. Papi." Die Kinder sollen sich keine Sorgen machen. Wenigstens sie nicht.
Er hat noch die besorgte Stimme der Stationsschwester im Kopf. Das ist doch noch nie vorgekommen. Sie war doch immer pünktlich. Wir machen uns große Sorgen. Er wählt den Polizeinotruf, will Monika als vermisst melden. Der Polizist erklärt, dass so etwas häufiger vorkomme, dass sich alles bald aufklären werde, wahrscheinlich sogar sehr schnell. Das sei eben nicht wie bei einem vermissten Kind, man habe bei Erwachsenen andere Vorgaben und Richtlinien. Man wolle aber einen Streifenwagen zur Klinik schicken, der die Gegend abfahre. Wenigstens das. Andreas hat Verständnis. Doch er versteht immer noch nicht. Was geht da vor sich? Ist Monika in Gefahr? Oder schlimmer noch. Er verweigert sich diesem Gedanken.
Wenig später verlässt er das Haus und fährt los - durch die Wohnsiedlung und das direkt angrenzende Gewerbegebiet bis zur Autobahnauffahrt Himmelkron Richtung Bayreuth, von dort etwa zehn Kilometer weiter bis zur Ausfahrt Bayreuth-Nord. Nach etwa einem Kilometer erreicht er die Nordtangente, eine Umgehungsstraße. Noch ein paar Straßen, dann ist er am Klinikum. Dort ist ein großer Parkplatz, er fährt alle Straßen ab. Sein Blick wandert von links nach rechts, von rechts nach links. In Gedanken sieht er Monikas grauen Ford Focus. Doch er kann ihn nicht finden. Er ist ratlos. Er kann sich nicht einmal vorstellen, was passiert sein könnte. Noch nicht.
Andreas fährt den Parkplatz ein zweites Mal ab. Wieder nichts, Monikas Wagen ist wie vom Erdboden verschluckt. Es muss etwas passiert sein, durchzuckt es ihn. Ihr muss etwas passiert sein!
"Ich blickte von dem hochgelegenen Parkplatz des Klinikums über ganz Bayreuth. Ich dachte, irgendwo da unten muss sie sein. Mein Gott, Monika ist Krankenschwester! durchfuhr es mich. Da kam mir ein furchtbarer Verdacht. Ich dachte an einen Gefangenen aus meiner Abteilung, der war fünf Wochen vorher entlassen worden. Er hatte sieben Jahre zuvor eine Frau in deren Auto entführt, beraubt und vergewaltigt - eine Krankenschwesterschülerin, vor dem Klinikum Bamberg. Er hatte das Opfer mit einer Pistole bedroht, die junge Frau gezwungen, bei einem Bankautomaten Geld abzuheben. Anschließend war er über die Frau auf einem Waldweg hergefallen."
Er kennt den Mann persönlich. Jochen S. ist Gefangener der Justizvollzugsanstalt Bayreuth gewesen, und Andreas hat auf ihn aufpassen müssen, mit ihm sogar über einen längeren Zeitraum hinweg eine Sozialtherapie gemacht. Der? Der und Monika? Der soll Monika… Er wehrt sich gegen diese absurde Überlegung, vergräbt sie unter anderen Gedanken. Andreas hat gute Gründe.
"Dem habe ich eine solche Wiederholungstat wirklich nicht zugetraut, zumal die Entlassungssituation prima war: eine Arbeitsstelle, Kontakt zu der geschiedenen Frau und dem gemeinsamen Kind. Ich hatte nicht das Gefühl, dass der dazu fähig wäre. Er machte im Vergleich zu den vielen anderen Verbrechern, die ich kannte, mit denen ich arbeiten musste, einen relativ vernünftigen Eindruck."
Es ist jetzt 6.50 Uhr. Andreas fährt zu einer Telefonzelle. Er besitzt kein eigenes Handy. Monika hat eins, das genügt. Er ruft im Klinikum an, ob sie inzwischen angekommen sei. Nein. Die Antwort trifft ihn genauso hart wie ein dumpfer Schlag in die Magengrube. Er bittet die Schwester, vom Klinikum aus die Polizei anzurufen.
"Ich dachte, wenn Anrufe verschiedener Leute bei der Polizei eingehen, nehmen sie die Angelegenheit ernster."
Andreas fährt zurück, im Klinikum kann er nichts ausrichten, und es macht für ihn auch keinen Sinn, blindlings und planlos durch Bayreuth zu kurven. Und die Kinder warten vielleicht schon.
Mittlerweile sind 70 Minuten seit diesem Anruf vergangen, den er lieber nicht bekommen hätte. Andreas lässt nicht locker. Denn er weiß es besser als die Polizei, er kennt doch Monika - seine Monika. Erst ruft er bei der Polizei in Stadtsteinach an, wenig später in Bayreuth. Ob denn etwas Besonderes vorgefallen sei, wollen die Beamten wissen.
"‚Jetzt mal ganz unter uns', meinte der Beamte aus Bayreuth, ‚hatten Sie in der letzten Zeit Stress, wollte sie vielleicht ausziehen? Hat sie vielleicht einen Freund?' Ich antwortete: ‚Nein, wir haben gerade in letzter Zeit eine gute Ehe geführt. Und sie ist auch nicht der Typ, der fremdgeht. Glauben Sie mir, ich wäre froh, wenn sie jetzt fremdgehen würde und ich dafür Gewissheit hätte, ihr wäre nichts passiert.'"
Andreas beschreibt seine Frau als zuverlässig und pflichtbewusst, es sei eine harmonische Ehe mit Höhen und Tiefen, wie sie immer mal vorkämen.
"Manchmal stritten wir über meine Unordnung und Schludrigkeit, wenn ich mal wieder die Küche nicht aufgeräumt hatte oder Klamotten herumlagen. Verstimmungen gab es auch, wenn ich so eine ganz spontane Idee hatte. Das ist halt so meine Art. Wenn ich zum Beispiel einen Ausflug machen wollte, dann konnte Moni sich nicht so schnell darauf einlassen, sie wollte alles lieber von langer Hand planen."
Wieder lässt er die bohrenden und unangenehmen Fragen bereitwillig passieren, antwortet, stets um Haltung bemüht, obwohl ihm ganz anders zumute ist. All das kostet so viel Zeit, so viel Kraft.
Er ist unruhig, alle berechtigten Hoffnungen haben sich aufgelöst wie ein Schwarm Sardinen, der nach und nach von Raubfischen gefressen wird.
"Meine Zuversicht war ja, dass Moni doch irgendwann in der Klinik auftauchen würde und ein plausibler Grund für ihr Nichterscheinen da wäre, auf den ich einfach nicht gekommen war. Und dann stieg in mir mehr und mehr die Wut auf, weil ich einfach nichts machen konnte. Ich war so unglaublich hilflos."
Die Kinder schlafen noch. Minuten später bremst ein Wagen vor dem Haus, zwei Männer steigen aus und schellen. Es sind Kriminalbeamte. Freundlich fragen die, ob sie sich ein wenig umsehen dürften, in den meisten Fällen würde man Vermisste genau dort finden, wo man sie am wenigsten vermutet - zuhause. Sie dürfen. Nachdem auch der Schuppen vor dem Haus, Keller und Dachboden durchsucht worden sind, wird nach einem Foto von Monika gefragt. Andreas gibt den Beamten ein Bild.
Als die Ermittler das Haus verlassen, ruft Andreas seinen Nachbarn an. Der ist Polizist. Vielleicht hat der eine Idee. Als sich eine männliche Stimme meldet, bricht es aus Andreas heraus. Tränen laufen ihm über die Wangen. Er schluchzt. Es ist zu viel. Er kann nicht mehr.
"Erst da spürte ich, was sich in der Zwischenzeit alles angestaut hatte. Die ganze Angst in mir suchte sich einen Weg nach draußen. Ich war selbst überrascht, wie ich reagierte. Es war mir auch peinlich, so unkontrolliert loszuweinen. Ich schämte mich irgendwie, überreagiert zu haben. Ich war mir nicht sicher, ob das angemessen war. War ich vielleicht zu überängstlich?"
Aber es ist nicht Andi, den er erreicht, sondern sein Sohn. Andi schläft noch. Er soll aber zurückrufen, sobald er wach ist. Zehn Minuten später ist Andi da. Der großgewachsene und sportlich wirkende Familienvater ist mit Leib und Seele Polizist: vorbildlich und engagiert, ruhig und sachlich. Der 44-Jährige findet sofort die richtigen Worte. Wieder Tränen, eine herzliche Umarmung, tröstende Worte. Dann geht es wieder.
Die Kinder sind jetzt wach. Andreas versucht, seinem 10-jährigen Sohn Nico zu erklären, was nicht zu erklären ist. Die Mutter sei nicht zur Arbeit erschienen, niemand weiß, warum. Nico reagiert, wie Kinder in diesem Alter eben reagieren: Das könne ja mal passieren.
Andi schlägt vor, nach Monika zu suchen. Also muss sich jemand um die Kinder kümmern. Andreas ruft Gitti an, Monikas Schwester. Die 41-Jährige hat selbst drei Kinder und verspricht, sofort zu kommen und zunächst bei den Kindern im Haus zu bleiben. Nico und Lea freuen sich.
Als Gitti wenig später da ist, wird diskutiert. Wo ist Monika? Was könnte ihr zugestoßen sein?
"Wir überlegten, welchen Weg sie genommen haben konnte. Meine Annahme, sie sei über die Autobahn gefahren, wurde bezweifelt. Vielleicht über die Landstraße, da gab es verschiedene Routen. Sie könnte auch einen Wildunfall gehabt haben, in einen Graben geraten und dabei verletzt worden sein, abseits der Straße in ihrem Auto."
Plötzlich sind alle einer Meinung. Des Rätsels Lösung ist ein "Morbus Menier". Dieser plötzlich auftretende Drehschwindel mit Übelkeit bis zum Erbrechen kann ohne erkennbaren Anlass zu jeder Tageszeit auftreten. Solche Anfälle dauern Minuten bis Stunden und können sich in unterschiedlich großen Abständen wiederholen. Das Schwindelgefühl kann so stark ausgeprägt sein, dass der Betroffene sich nicht mehr auf den Beinen halten kann und schnell in eine hilflose Lage gerät.
"Drei Jahre war das her, da erwischte es Moni zuhause ohne Vorwarnung so schwer, dass sie ohne Hilfe nicht einmal mehr zur Toilette gehen konnte."
Andreas lässt sich von dieser eigentümlichen Euphorie gerne anstecken. Doch je intensiver er sich mit dieser Möglichkeit vertraut macht, desto unrealistischer wird sie in seinen Augen.
"Wenn sie diesen brutalen Hörsturz wieder bekommen hätte, dann wäre doch immer noch ein Telefonat mit dem Handy möglich gewesen."
Anfangs ist dieses Gefühl nur unangenehm, eher lästig, irgendwie unbequem. Monika hat sich nicht zum ersten Mal verspätet, gewiss. Doch jetzt ist es anders. Andreas spürt das. Er hat zwar keinen Anhaltspunkt, auch keine Orientierung. Aber so viel steht fest: Monika hat ihren unmittelbaren Lebenskreis offenkundig verlassen - vielleicht sogar verlassen müssen? Daran zweifelt er nicht mehr. Für ihn gibt es keine Alternative. Seine Frau muss sich demnach an einem Ort aufhalten, den sie unter normalen Umständen gar nicht aufsuchen würde. Allein die nicht zu leugnende Existenz der theoretischen Möglichkeit, dass diese ungewöhnlichen Umstände tatsächlich eingetreten sind, beflügelt seine Phantasie. Diese unsäglich schmerzvolle Vorstellung, die sich nicht mehr nur wie eine böse Vorahnung anfühlt, wird für ihn urplötzlich zur Gewissheit. Andreas glaubt zu wissen, dass nicht etwas, sondern es passiert ist.
"Ich meinte, alle erdenklichen Möglichkeiten, die ein schweres Verbrechen ausschließen, durchdacht zu haben. Und wenn sie nach einem Verbrechen noch leben würde, dann würde sie sich doch melden. Ich glaubte deshalb nicht nur, dass sie tot ist, ich hoffte erstmals, dass sie nicht mehr leiden muss."
Andreas spricht aus, was andere nicht einmal zu denken wagen. Doch man macht ihm Mut, meint, dass er durch seine Arbeit als Justizvollzugsbeamter wohl arg vorbelastet sei und allzu negativ denke. Wer jeden Tag mit abnormen Verbrechern zu tun habe, müsse wohl so empfinden. Andreas nickt artig, seine Befürchtungen lassen sich aber nicht vertreiben wie eine lästig gewordene Stubenfliege.
Andi, der Polizist, drängt. Er hat erfahren, dass mittlerweile in Bayreuth nach Monika gefahndet wird, und die Polizei versucht, das Handy der Vermissten zu orten. Gesucht wird vornehmlich im Gebiet zwischen dem "Volksfestplatz" und dem Stadtteil "Neue Heimat". Dort wohnen insbesondere Russlanddeutsche und sozial Gestrandete.
Die Kripo sieht im Verschwinden von Monika keinen Routinefall, der gelegentlich vorkommt und mit dem baldigen Auftauchen des Vermissten zu den Akten gelegt wird. Für diese Annahme gibt es einen triftigen Grund: Zwei Tage zuvor hat ein mysteriöser Überfall für Aufsehen gesorgt, mitten in Bayreuth. Ein Mann sprang gegen 6.30 Uhr in das Auto einer Rechtsanwältin, die vor einer roten Ampel halten musste. Der Täter hielt dem Opfer ein Messer an den Hals und raubte Bargeld und Kreditkarten. Unübersehbare Parallelen sind erkennbar. Ist Monika genau diesem Verbrecher begegnet?
Die Polizei sucht mit allen verfügbaren Beamten, aus Bamberg werden Bereitschaftspolizisten angefordert. Auch die Feuerwehr und das Technische Hilfswerk sind im Einsatz. Über Bayreuth kreisen mehrere Polizeihubschrauber, die zwischendurch landen, um Filme aus Wärmebildkameras zur schnellen Auswertung zu bringen.
Andreas und sein Freund fahren los. In Bayreuth angekommen, hat Andi eine Idee - das Konto. Vielleicht ist Geld abgehoben worden. Andreas zieht einen aktuellen Kontoauszug. Keine Auffälligkeiten. Schließlich fragt er noch den Kontostand ab. Als er die Zahlen abliest, verschlägt es ihm die Sprache. Kein Zweifel. Es sind 1 000 Euro abgehoben worden. Eine Uhrzeit ist nicht ersichtlich - aber der Tag: heute! Wer hat das Geld abgehoben? Monika? Ungewiss. Aber ganz bestimmt ist ihre EC-Karte benutzt worden.
"Es war wieder ein Stück Gewissheit, dass Moni einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein musste. Ich spürte eine innere Lähmung, denn ich wusste, sie war tot oder in größter Gefahr. Und ich war so weit weg, so unendlich weit weg. Zum Abwarten verdammt, auf neue Hinweise und Erkenntnisse der Polizei angewiesen, machtlos, ihr beizustehen. Es schmerzte und betäubte mich, ich konnte gar keine Gefühle zeigen. Als ich wieder ins Auto stieg, erzählte ich Andi ziemlich ruhig, dass Geld abgehoben worden war."
Selbst den tröstend gemeinten Einwand seines Freundes, Monika könne das Geld doch durchaus selbst abgehoben haben, will er nicht gelten lassen. Er weiß es besser.
"Ich hatte einige Tage zuvor 500 Euro von meinem Konto abgehoben und Moni davon 250 Euro gegeben. Sie hatte aber etwa zeitgleich 300 Euro von ihrem Konto abgehoben, weil sie kein Bargeld mehr gehabt hatte. Ich wusste, dass sie danach etwa 200 Euro ausgegeben hatte. Aus diesem Grund musste sie noch ungefähr 350 Euro gehabt haben. Deshalb hielt ich es für mich unmöglich, dass sie das Geld aus freien Stücken geholt hatte. Moni benötigte also gar kein Geld, außerdem war das letztmalige Abheben von ihrem Konto schon eine große Ausnahme gewesen. Wir lebten nämlich von meinem Konto, denn ihr Verdienst als Vierteltagskraft war wesentlich geringer als meiner. Ihr Gehalt ging für Altersvorsorge, Versicherungen, Überweisungen, kleinere Anschaffungen und Sparverträge fast gänzlich weg."
Andi sagt, man müsse wegen der Vermisstenanzeige jetzt unbedingt zur Kripo. Andi weicht jetzt nicht mehr von Andreas Seite. Er ist sein Freund, auf ihn kann er sich verlassen. Das tut gut. Das hilft.
Andreas wird zu Alter und Aussehen seine Frau befragt: 39 Jahre alt, 1,59 Meter groß, blonde Haare, schulterlang und wellig, feminine Figur. Auch Andi soll dazu etwas sagen. Er überlegt. Nein, keine besonderen Merkmale. Beiden fällt es schwer, Monika exakt zu beschreiben; einen Menschen, den man gestern noch gesehen hat, den man sehr genau kennt, über den man alles weiß. Wieder wird nach Streitigkeiten gefragt, nach Personen, denen Monika sich anvertrauen würde, zu denen sie hätte fahren können, wenn es Probleme gibt. Andreas fällt nur Gitti ein, ihre Schwester. Er sagt auch, dass Monika nicht der Typ sei, der über intime Dinge mit anderen Menschen reden würde. Überhaupt gäbe es keinen Grund, warum sie unauffindbar sei. Beziehungsprobleme schließt er aus.
"Moni und ich merkten in jüngster Zeit schon, dass sich unsere Ziele und Hobbys auseinander entwickelten. Während sie mit den Kindern als Mutter voll aufging, begann ich zu joggen und mir Gedanken um meine Figur zu machen. Ich hatte Ideen von Alpenüberquerungen, Gleitschirmfliegen, Bergtouren und vielem mehr. Wir waren beide so offen und gut zueinander, dass wir es erkannten. Wir redeten über alles, wir blieben nicht stehen in unserer Beziehung. Es war keine Freundschaft, die sich überlebt hatte, keine Liebe, der es an Substanz fehlte. Um besser einen gemeinsamen Nenner zu finden, spielten wir auch mit dem Gedanken, zu Campern zu werden, einen Wohnwagen zu kaufen, um wieder mehr Gemeinsamkeiten zu haben. Wir suchten bereits nach einem PS-stärkeren Auto und sahen uns Wohnwagen an. Wir träumten von gemeinsamen Touren und Kurztrips, wollten uns da aber nicht unbedingt festlegen. Aber auch abgesehen davon machten wir uns immer wieder bewusst, wie gut es uns doch eigentlich ging, wie zufrieden wir mit unserem Leben sein konnten."
Andreas unterschreibt das Protokoll und gibt Monikas persönliche Daten für die Fahndung frei. Andi fragt, ob er einen Verdacht habe. Ob er sich vorstellen könne, dass jemand… Andreas begreift, grübelt.
Jochen S.!
Jochen S.?
Jochen S.!!
Die Sache in Bamberg. Auch eine Krankenschwester. Auch entführt. Auch EC-Karte erpresst. Auch Geld abgehoben. Und vergewaltigt!

Obwohl noch gar nicht feststeht, dass Monika etwas zugestoßen ist, glaubt Andreas, den Namen des Täters schon zu kennen.
"Auch wenn ich das innerlich ausschloss, blieb aus meiner Sicht überhaupt kein Spielraum für andere Verdächtige."
Andreas spricht den Verdacht aus. Allerdings wird er schnell wankelmütig, er weiß nicht, was er von all dem halten soll.
"Wenig später hatten die Beamten die Akte von Jochen S. mit seinem Bild. Es war das Bild, das mir so bekannt und so vertraut war. Ich dachte noch, nein, der ist es bestimmt nicht. Ich hinterfragte mich sogar, ob es nicht total daneben sei, diesen Mann, den ich kannte, als Verdächtigen zu benennen. Denn es wäre doch wohl eher zu erwarten gewesen, dass jemand, der erst so kurze Zeit in Freiheit ist, seine Freiheit nicht gleich wieder aufs Spiel setzt. Doch schon nach kurzer Zeit hörte ich die Polizisten diskutieren, wie weit sie gehen dürften, welche Befugnisse ihnen zustanden. Sie forderten klare Anweisungen. Ich sagte in meiner Vernehmung abschließend noch, dass ich den Mann im Haus der Hilfsorganisation ‚Kontakt' vermutete, einem Verein, der Straftäter nach der Entlassung unterstützt."
Andreas' dunkle Gedanken und Befürchtungen wüten in ihm. Er fragt nach einer Zigarette. Er braucht jetzt etwas, an dem er sich festhalten kann.
"Wegen meiner sportlichen Ambitionen der letzten Monate konnte ich gut auf Zigaretten verzichten. Nun sog ich den Qualm in mich hinein und spürte ein Gefühl der Erleichterung. Aber es hielt nur für ein paar Sekunden. Ich ging vor dem Präsidium auf und ab, bis die Zigarette aufgeraucht war. Ich dachte unentwegt an Moni, wollte endlich, dass die Suche vorbei war, dass eine Nachricht kam, ein Ermittlungsergebnis, ein Anruf."


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