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Begegnung mit dem Serienmörder - Jetzt sprechen die Opfer

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www.berlin-kriminell.de, September 2008
von Barbara Keller

Prinzip Zufall

Serienmordexperte Stephan Harbort wendet sich nach zwei Fallstudien von Serienmördern, einem systematisierenden Fachbuch und der erschütternden Schilderung des Opferfalls Monika F. einer möglichen Prävention mittels Viktimologie. Gibt es spezifische Opfergruppen, ein dem Serienmörder typisch entgegenkommendes Opferverhalten? Stephan Harbort räumt auf mit bequemen Klischees, bestätigt indessen auch alte Milchbrötchenwahrheiten...

Seit 2004 publiziert der Düsseldorfer Kriminalist und Serienmordexperte Stephan Harbort jährlich ein Buch über sein Spezialgebiet. Er begann 2004 mit der Fallstudie des Joachim G. Kroll, der zwischen 1955 und 1976 im Ruhrpott sein serielles Unwesen trieb. 2005 dann erschien Harborts Buch über den Düsseldorfer "Liebespaarmörder", den er nach dessen Haftverbüßung interviewt und dessen Indizienfall er noch einmal aufrollt.

2006 fasste Harbort die Früchte seiner 15-jährigen Arbeit am mörderischen Fach unter dem Titel "Das Serienmörder-Prinzip" zusammen und gab dem Fachmann und interessierten Leser mit ihm ein siebenstufiges Serienmordprinzip an die Hand.

Nach seinem Buch "Der Fall Monika F.", in dem der Autor die Serientaten erstmals opferseitig betrachtet, hat Stephan Harbort nun ein Buch geschrieben, das sich ausschließlich mit den Opfern von Serienmorden befasst.

Dabei geht es Harbort nicht nur darum, die Verwerfungen, Brüche und Leiden der Opfer während oder nach der Tat darzustellen, beziehungsweise nachvollziehbar zu machen, sondern wiederum um eine Systematisierung von Opfertypen und Opferverhalten.

Denn Stephan Harbort, der innerhalb der letzten 15 Jahre 155 deutsche Mordserien 674 Einzeltaten, geschehen während der letzten 58 Jahren, untersuchte, betont: weder Täter noch Opfer sind autark zum Zeitpunkt der Tat. Das Verhältnis von Täter und Opfer formt das Verbrechen.

Und wer glaubt, als Glückskind immun gegen die Zerstörungswut von Serienmördern zu sein, dem zieht der Autor vorab schon einmal den Zahn: "Wer... überhaupt davon überzeugt ist, ihn umwehe und schütze der Mantel der Unangreifbarkeit, der ist dem Verbrechen näher als jeder andere."

Sechs Opfergruppen mit ihren spezifischen Opfermerkmalen definiert der Autor und dekliniert sie anhand bekannter und weniger bekannter Fälle durch. Es sind ausnahmslos erschütternde Beispiele, die Harbort dem nach Verständnis dürstenden Leser in Serie zumutet und die auch nach Gegenüberstellung der Opfer- als auch Täterinterviews die Empathie des Lesers bis an die Grenze der Belastbarkeit dehnt.

Am Ende der prekären Lektüre bleibt das halbwegs beruhigende Gefühl, ausschließlich mit der Häufigkeit eines Blitzschlages Opfer eines Serientäters zu werden. Die schlechte Nachricht lautet damit aber auch: der blutrünstige Täter kommt fast ausnahmslos im Gewand des Zufalls.


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