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Begegnung mit dem Serienmörder - Jetzt sprechen die Opfer

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Hannoversche Allgemeine Zeitung, 15.10.2008
VON HEINRICH THIES

Pflanzengift im Pudding

Der Kriminalist und Sachbuchautor Stephan Harbort legt zwei neue Bücher zu Serienmorden vor


Zum Beispiel "Blaubeer-Mariechen³. Nachbarn schwärmten von ihr als Inbegriff der fürsorglichen Altenpflegerin, ihre Kinder, Enkel und Urenkel sahen in ihr das Idealbild der sich aufopfernden Frau verkörpert. Tatsächlich war die allseits geachtete Dame aus Kempen am Niederrhein eine eiskalte Mörderin.

Nachdem ihre Schwiegertochter sie angezeigt hatte, stellte sich heraus, dass Maria Horn, genannt "Blaubeer-Mariechen³, fünf Menschen mit dem Pflanzengift E 605 getötet hatte: ihre drei Ehemänner, ihren Vater und eine Tante. Sie hatte ihnen das Gift unter den Pudding gerührt und zum Nachtisch serviert aus Habgier und anderen niedrigen Beweggründen. "Die sind mir lästig geworden, ich wollte endlich meine Ruhe haben³, erklärte die Witwe 1984 lapidar vor dem Landgericht Mönchengladbach.

Die Geschichte dieser Giftmörderin ist nachzulesen in einem von zwei neuen Büchern des Kriminalisten und Sachbuchautors Stephan Harbort. Der Band "Wenn Frauen morden³ stellt anhand von Ermittlungsakten und Gerichtsprotokollen spektakuläre Serienmordfälle vor. Die Täter agieren unauffällig und kaltblütig. Da ist das biedere "Blaubeer-Mariechen³. Da ist die Krankenpflegerin, die ihre Patienten umbringt, die Mutter, die ihre Kinder tötet, und schließlich die "schwarze Witwe³, die im Verdacht steht, vier vermögende Männer getötet zu haben, um an deren Geld zu kommen. Harbort stellt klar, dass nur 15 Prozent der Serienmorde auf das Konto von Frauen gehen, mordende Frauen aber ein wesentlich größeres Medieninteresse auf sich ziehen als mordende Männer. "Männliche Gewalt ist der gesellschaftlich akzeptierte Maßstab für Normverletzungen und Unterdrückung, die tötende Frau hingegen ist der verstörende und betörende Gegenentwurf³, schreibt der Autor, der als Kriminalhauptkommissar polizeiliche Erfahrungen sammelte, Profilingtechniken zur Überführung von Serientätern entwickelte und sich einen Namen als Fachberater für Fernsehdokumentationen und Krimiserien machte.

Interessant an Harborts neuem Buch sind seine Feststellungen zu geschlechtsspezifischen Besonderheiten bei Tötungsdelikten. "Frauen töten ihre Opfer überwiegend planvoll, heimtückisch und im häuslichen Milieu, Männer hingegen attackieren meistens unmittelbar, häufig im Affektsturm, wenn ein Streit eskaliert³, schreibt er .

Die bedeutsamste Abweichung sieht der Kriminalist in der Motivlage. "Während Männer größtenteils morden, um ihre Opfer zu beherrschen und zu vernichten, töten Frauen, um sich nicht weiter beherrschen zu lassen. Männer üben Dominanz aus, Frauen wollen sich oftmals aus männlicher Beherrschung befreien.³ Insofern haben mordende Frauen für Harbort "durchaus etwas Emanzipatorisches³.

Die von ihm analysierten Fälle sind lesenswert aufbereitet und vermitteln gleichzeitig Einblicke in die Abgründe der menschlichen Seele. Mithilfe statistischer Studien liefert der Autor zudem Bezugsgrößen, die sachliche Distanz schaffen und überbordendem Voyeurismus Einhalt gebieten. Dennoch lebt auch dieses Buch vom Reiz des Bizarren, den Harbort selbst als fragwürdig geißelt.

Der landläufigen Kritik, dass bei den Berichten über Gewalttaten die Opfer zu kurz kommen, begegnet der Autor in seinem Buch "Begegnung mit dem Serienmörder. Jetzt sprechen die Opfer³. Das Spannende hieran ist, dass Harbort sich nicht darauf beschränkt, anrührende Leidensgeschichten wiederzugeben, sondern die Schilderungen von Opfern und Tätern gegenüberstellt zum Teil in atemberaubender Schärfe.

Besonders eindrucksvoll ist dies im Falle des Berliner Aushilfskellners Roland Klemm gelungen, der in den achtziger Jahren in Berlin drei Frauen ermordete und andere Frauen teilweise sadistisch quälte. Eine der Frauen, die die Begegnung mit Klemm überlebte und entscheidend zu dessen Festnahme beitrug, ist die damals 20-jährige Gymnasiastin Sandra Schimmelpfennig. Die Schülerin berichtet, wie Klemm ihr plötzlich in einem Aufzug eine Pistole vor den Kopf hielt, wie er sie fesselte, vergewaltigte, ihr weitere Höllenqualen androhte, dann plötzlich von seinem Leben erzählte, zärtliche Regungen zeigte und sie laufen ließ.

Welches Opferverhalten kann einen Täter von seiner Tötungsabsicht abbringen? Dieser Frage nähert sich Harbort auch mithilfe weiterer Fälle. Insgesamt hat er 155 Mordserien mit 674 Einzeltaten ausgewertet, wobei in 107 Fällen die Opfer überlebten. Solche Statistik weitet auch in diesem Buch den Blick und sorgt für wohltuende Distanz. Gleichzeitig spielt Harbort aber hier noch mehr mit der Faszination des Grauens, indem er unter anderem seine Fallanalysen mit philosophisch-literarischen Zitaten würzt. Die kriminalistischen Studien empfehlen sich so auch als Hintergrundliteratur für Krimileser.


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