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Das Hannibal-Syndrom

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Aargauer Zeitung / MLZ vom 03.05.2003
von Nicolas Gattlen

Blick hinter die Fassade

Er ist zwischen 18 und 50 Jahre alt, weiss, überdurchschnittlich intelligent, unauffällig, angepasst, greift nur solche Opfer an, die dieselbe ethnische Zugehörigkeit haben wie er selbst und in seinen ritualisierten Taten lässt sich unschwer eine starke sexuelle Komponente ausmachen. FBI-Profiler wissen, wie ein Serienmörder beschaffen ist. Und auch wir wissen es - spätestens seit dem Knüller «Das Schweigen der Lämmer». Der englische Kriminologe David Canter widerspricht dem vehement: «All diese Behauptungen können einer systematischen Überprüfung nicht standhalten, (. . .) in jedem anderen Kontext wären die Ergebnisse dermassen schlecht durchgeführter Studien nicht veröffentlicht worden. Doch die Gier der Massenmedien und Hollywoods nach allem, was mit der Bösartigkeit des Serienmordes zu tun hat, haben dazu geführt, dass diese Aussagen ein so breites Publikum gefunden haben.» Canter schrieb das Vorwort zu Stephan Harborts Buch «Das Hannibal-Syndrom» - einem lehrreiches Gegengewicht zu der amerikanischen Vorherrschaft in der Debatte und nichts für zarte Gemüter.

Harbort gilt als einer der bedeutendsten deutschen Kriminalisten. In seiner sorgfältigen Auswertung von Fallstudien, Gerichtsakten und Interviews mit sämtlichen (verurteilten) deutschen Serienmördern seit 1945 (75) zeichnet der Düsseldorfer Verhaltensforscher und Kriminalexperte ein einzigartiges Bild davon, wie vielschichtig und unterschiedlich Serienmörder sind. Eine erste Erkenntnis: Auf den ersten Blick weisen Serienmörder keine wesentlichen Unterschiede gegenüber jenen Tätern auf, die nur einmal töten - im Wesentlichen aber machen zwei Dinge den Unterschied aus: Persönlichkeitsstruktur und Motiv. Laut Harbort tötet der chronische Mörder «überwiegend strategisch, mit heiss-kaltem Herzen, nicht aber wie andere Täter im Affektsturm oder Alkoholrausch». Darum würden in 8 von 10 Fällen Opfer ausgewählt, die dem Täter vollkommen fremd sind. Zu Tatwiederholungen komme es - anders als bei gewöhnlichen Tötungsdelikten - deshalb, weil die zu den Gewaltakten führende psychische, sexuelle, emotionale, finanzielle, soziale oder sonstige Grundproblematik nur vor übergehend gemildert werde, letztlich ungelöst bleibe und fortwährend neue Tatanreize produziere.

Harbort macht sich auf, menschliche Abgründe auszuloten, ohne der Faszination aus blosser Neugier zu erliegen. Er zeichnet ein erschütterndes Bild von «Einzelgängern, die zugleich Ankläger und Angeklagte sind, die ihre schmutzigen Finger in die offenen Wunden der Gesellschaft legen - einer Gesellschaft, die das Töten tabuisiert und die Verantwortung delegiert». Doch fällt der Autor nie in einen Opferdiskurs und stellt die Verantwortung des Einzelnen radikal über das Ganze. So zieht er eine scharfe Linie zwischen Tatdrang und Tatzwang. Letzteren geben die allermeisten Serienmörder noch Jahre nach der Verurteilung als Tatmotiv an - «um sich (selbst) zu erklären».

Die oft zitierte Rückfallgeschwindigkeit, die sich bei Serientötern generell erhöhe («Einmal Blut geleckt . . .») relativiert der Kriminalist: «Diese Hypothese scheint nur auf Sexualmörder zuzutreffen, deren Taten vor einem sadistischen Erlebnishintergrund dominiert werden.» Und erklärt es damit, dass der erste Mord den Täter prägt, dieser ob der Tat schockiert und irritiert ist («War ich das wirklich?»), daneben aber auch verinnerlicht, einen Weg gefunden zu haben, um seine Begierde loszuwerden, sich selbst in der Tat zu erleben - unmittelbar und real. Noch lange zehrt er von diesem Erlebnis. Doch die Fantasie wird nach und nach von der Realität zurückgedrängt, «bis der Mord im Kopf nur noch einem abgefahrenen Reifen gleicht, profillos, nutzlos» (Serienmörder Robert Siegmann). Ein neuer muss her. Interessant auch: 85,3 Prozent der triebgesteuerten Serienmörder wurden bereits vor ihrem ersten Mord wegen versuchter Vergewaltigung, sexueller Nötigung, Freiheitsentzug oder Körperverletzung verurteilt - es wurde nicht erkannt, dass schon diese Taten in Tötungsabsicht begangen worden waren. Serientäter werden durchschnittlich erst nach ihrem 6. Mord gefasst, jeder fünfte Mörder kommt ungeschoren davon. Brisant: 27,3 Prozent der verurteilten multiplen Sexualmörder waren vorbestraft: wegen Mordes.

Zeichen gab es genug: Jeder dritte Serienmörder unternahm vor oder nach seiner ersten Tat den Versuch, sich zu outen. Doch verhallten die Hilfeschreie im familiären oder dörflichen Trugbild des «Das-kann-nicht-Sein». So schrieb der Serienmörder Max Hossfeld seinem Cousin: «Lieber M., ich habe mir gestern einen KK-Karabiner gekauft. 200 Schuss Muni hab ich mir auch zugelegt. (. . .) Ich lud heimlich durch und jagte ihm eine Kugel in den Rücken. (. . .) Wenn das kein perfekter Mord war, rühre ich keine Knarre mehr an, das kannst Du mir glauben. Ich will verdammt sein, wenn das mein einziger bleiben würde.» Der Cousin schwieg.


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