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Rezensionen

Das Hannibal-Syndrom

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Psychiatrische Pflege 2002, S. 109-110

"Kripobeamte und psychiatrisch Tätige haben immer wieder eines gemeinsam: Sie sind für das Spektakuläre in der Gesellschaft zuständig. Noch mehr, oft erleben Professionelle in Psychiatrie und Kriminalbeamte Überschneidungen bei ihrer Kundschaft. Stephan Harborts "Hannibal-Syndrom" ist ein Beweis dafür. Es ist vor allem eine Ermunterung, einen Dialog und Brückenschlag herzustellen. Harbort, Kommissar im rheinischen Düsseldorf, hat für den deutschen Sprachraum eine erste differenzierte Untersuchung des "Phänomens Serienmord" vorgelegt. Prof. David Canter, Direktor des Zentrums für Ermittlungspsychologie an der Universität Liverpool, hat in seinem Vorwort einen Satz geschrieben, der auch in manchem psychiatrischen Buch stehen könnte: "Dieses Buch ist... ein Beitrag zum Verständnis einer hervorstechenden Herausforderung unserer Gesellschaft." Canter hat anderes Wichtiges der eindrucksvollen Arbeit von Harbort vorausgeschickt: "Um ein wirkliches Verständnis der seelischen Untiefen solcher Täter zu erlangen, müssen wir uns gegen eine Faszination aus bloßer Neugier wappnen..."

Dies fällt dem Leser schwer, wenn Harbort detailliert die Taten des "Kannibalen von Duisburg", des "Heidemörders", des "Vampirs von Düsseldorf" oder anderer schillernder Gestalten beschreibt. Harbort berichtet von "Kopf im Kühlschrank" und von nackten Körpern im Schlamm. Doch sind diese symbolischen Beschreibungen Anlass, dem "Phänomen Serienmord" wirklich auf den Grund zu gehen. Beispiel Jürgen Bachmann, "der Kinderschlächter aus Langenberg" - an seinem Beispiel definiert Harbort den Begriff des Rituals. "Solche Täter töten nicht einfach, sie zelebrieren die Gewalt, arrangieren ihre Morde. Sie töten dranghaft, selbstverliebt, rauschhaft... In der Masse der Menschen kann man sie nicht ausmachen - sie leben zurückgezogen, sind angepasst", erzählt Harbort. Nur ihr mörderisches Treiben kennzeichnet sie. Jene starre Gewaltabfolge, jenes stereotype Dahinschlachten, dessen Einhaltung diffuses Lustempfinden verheiße: Das Ritual.

Wenngleich Harbort kein Psychiater oder Psychologe ist, so ist sein sicherer Umgang mit Begrifflichkeiten aus den beiden Disziplinen ausdrücklich zu würdigen. Dies rührt sicher nicht zuletzt von der Tatsache her, dass er neben permanenter beruflicher Weiterbildung für die Studie "Das Hannibal-Syndrom" 35 000 Seiten Material auswertete: Vernehmungsprotokolle, Obduktionsberichte, Gutachten und Gerichtsurteile. Vor allem ist Harbort mit einer Beobachtungsgabe gesegnet, die man sich im psychiatrischen wie kriminalistischen Arbeitsfeld wünscht. Davon zeugen unter anderem seine Beschreibungen in psychiatrischen Kliniken und Justizvollzugsanstalten. Er schlägt Verbindungen zwischen seinen Erlebnissen bei Täterbesuchen und den ihm oft schon bekannten Akten.

Harbort hat seine Studie populärwissenschaftlich, aber nie populistisch geschrieben. Bei dem "Phänomen Serienmord" hat er es nicht versäumt, der Alten- und Krankenpflege ein Kapitel zu widmen. "Morde, die jeder begeht", hat er dieses Kapitel überschrieben. "Wehe, wenn kein Ventil vorhanden ist, Verdrängungsmechanismen versagen und die Flucht aus dem Beruf nicht möglich erscheint. Dann verschwimmt die Realität, wird von ausgeprägtem Surrealismus überlagert. Das Leid der Patienten, aber auch sie selbst wirken bedrohlich. Schließlich der Tod, die Erlösung - bis zum nächsten Mal. Letale Spritzen als radikale Form der Abwehr tiefsitzender Angst und fortwährender Bedrohung - ein Teufelskreis."

Es ist spannend, sich dem "Hannibal-Syndrom" zu nähern. Besonders psychiatrisch Tätige können von der Lektüre profitieren."


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