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Rezensionen

Das Hannibal-Syndrom

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Rechtsmedizin 2001, S. 252

"Erstaunlicherweise gibt es nur wenige wissenschaftliche Studien über das Reizthema des Serienmordes. Harbort hat sich als ausgewiesener Kriminalist dieses Phänomens angenommen und es aus der Sphäre der Unterhaltungsliteratur befreit. Als erster hat er klare operationale Begriffe definiert, auf deren Basis er Daten zusammengestellt und eine Typologie des Serienmörders vorgelegt hat. 50 Jahre deutsche Kriminalgeschichte und 374 von Serienmördern begangene Tötungsdelikte hat er in seiner Studie einer umfassenden statistischen Analyse unterzogen, deren Ergebnisse er bereits 1999 in zwei wissenschaftlichen Artikeln in "Kriminalistik" veröffentlicht hat.

Auf dieser Grundlage hat er nun ein Sachbuch verfasst, das sich vorwiegend an den gebildeten Laien wendet und den aktuellen Informationsstand kasuistisch illustriert und zusammenfasst. Er räumt auf mit der Illusion eines speziellen amerikanischen Phänomens, und er legt überzeugend dar, dass die Motive vielschichtig und nur teilweise sexuellen Ursprungs sind. Beeindruckend sind die im Vergleich zu anderen Tötungsdelikten hohe Dunkelziffer und die geringeren Aufklärungs- und Verurteilungsraten. Kritisch setzt sich Harbort auch mit den Ergebnissen modernen FBI-Profilings auseinander, die durch seine Daten stark relativiert werden: immerhin konnten nur in 25 % der deutschen Serienmorde echte Tatmuster verifiziert werden und in fast der Fälle lässt der Modus operandi schon ab der 2. Tat Abweichungen erkennen, was den Psychiater keineswegs erstaunt. Interessant und aus psychiatrischer Sicht ebenfalls nicht unerwartet, ist auch die tendenziell niedrigere Aufklärungsquote bei intellektuell minderbegabten Tätern.

Harbort ist ein engagierter Erzähler. Seine zahlreichen Fallbeschreibungen geizen nicht mit realistischen Details und nehmen den Leser mit in den Fahndungsalltag des Kriminalisten. Dazwischen kehrt er zur nüchternen Analyse zurück, bringt - didaktisch gut aufbereitet - Zahlen und Fakten, hinterfragt und erklärt. Seine Typologie des Serienmörders ist als empirisch überzeugend begründete Kriteriologie für praktische Belange nützlich und griffig. Psychiatrisch gesehen ist sie freilich unsystematisch, da sie sich nicht auf ein psychopathologisches Störprinzip bezieht. So einleuchtend auch einige der psychologischen Theorien, die der Autor anschneidet, auch erscheinen, sie bleiben insofern zwangsläufig spekulativ und von einem "Hannibal-Syndrom" weit entfernt. Tatsächlich lässt das Buch viele Fragen offen. Daten, wie Harbort sie vorgelegt hat, bedeuten indessen einen wichtigen Schritt zur Hypothesenbildung, sie regen zum Nachdenken an und wecken Interesse, das über die Lektüre des Buches anhält. Aus der Sicht der forensischen Psychiatrie besteht darin das eigentliche Verdienst des Autors, der mit seinem lesenswerten Werk einen unverzichtbaren Beitrag zur Versachlichung und Entmystifizierung der Diskussion um die Serienmorde geleistet hat."


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