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"Ich musste sie kaputtmachen"

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Psychiatrische Pflege, Heft 10/2004

"Wer in der forensischen Psychiatrie tätig ist, wird manches über die Absurditäten und Perversitäten mancher psychisch kranker Straftäter wissen. Wer sich inhaltlich dem Umgang mit dieser unerwünschten Klientel nähern will, der sollte zu den Büchern des Düsseldorfer Kriminalkommissars Stephan Harbort greifen. Mit dem neuen Buch "Ich musste sie kaputtmachen", in dem Harbort sich mit dem Serienmörder Joachim Kroll beschäftigt, legt er ein beachtenswertes Buch vor. Harbort besticht nicht nur wegen seines kriminalistischen Scharfsinns. Er präsentiert sich als kenntnisreicher und einfühlungsbegabter Kriminalpsychologe sowie durch seine literarischen Fähigkeiten. Abwechslungsreich und lebendig ist sein Schreibstil.

Harbort selbst kündigt in seinem Vorwort an, dass das vorliegende Justizdrama "uns an die Grenzen des Erträglichen - und darüber hinaus" führe. "Die unsäglichen Verbrechen eines höchst unscheinbaren Mannes, dessen kümmerliche Existenz in sämtlichen Lebensabschnitten kaum wahrnehmbar wurde, sind ein mahnende Beispiel dafür, wie weit ein Mensch sich von seinesgleichen entfernen kann, wozu er fähig ist, wenn man sich nicht um ihn kümmert", schreibt Harbort. Es helfe nicht wirklich weiter, verlorene Seelen nur unter Paragrafen zu begraben und hinter hohen Gefängnismauern verschwinden zu lassen. Solange wir glaubten, Triebtäter seien rational denkende und pragmatisch entscheidende Verbrecher, die anders handeln könnten, wenn sie nur anders wollten, flüchteten wir uns in die falsche Richtung.

Das Tragische und Dramatische an der Person Krolls wird in der Dokumentation Krolls dargelegt. Deutlich wird dies in Sätzen wie: "Und da loderte ein Feuer in ihm, das gelöscht werden wollte Aber das Verlangen hielt ihn in Atem." Sein Persönlichkeitsprofil sei entsprechend gewesen: blass, konturenlos. Selbstwertgefühl und Durchsetzungsvermögen hätten sich nicht entwickeln können, er sei ein seelischer und sozialer Krüppel geblieben. Nach all den Jahren der erzwungenen Unterwürfigkeit habe sich etwas zusammengebraut. In Morden, Vergewaltigungen und Missbräuchen haben die Defizite Krolls ihren krankhaften Ausdruck gefunden.

Harbort hat sich akribisch in akten und Zeitungsberichte eingelesen, reportiert Krolls Leben und Verbrechen, die polizeilichen Ermittlungen und die Gerichtsverhandlungen detailliert. Manchmal hat man den erstaunlichen Eindruck, man erlebe diese grausamen Ereignisse noch einmal. Deshalb sollte man sich vor der Lektüre von Harborts "Ich musste sie kaputtmachen" bewusst werden, dass die Lektüre nichts für allzu zarte Gemüter ist.

Harborts gesellschaftliche Ermahnungen sollten in einer breiteren öffentlichen Diskussion Gehör finden. Wenn er zu Recht behauptet, dass hinter jedem Monster auch ein Mensch stecke, so wird Harbort nicht auf Verständnis stoßen. Für die Beschäftigung mit dem Phänomen Serienmord im forensisch-psychiatrischen Kontext hat Harbort auch Bemerkungen übrig, die den enormen Nachholbedarf in der Diagnostik und Therapie psychisch kranker Straftäter unterstreichen: "Die Crux in diesem Fall war, dass die Gutachter nur persönliche Meinungen vortragen und Empfehlungen aussprechen konnten. Ein exakter wissenschaftlicher Sachverständigenbeweis wäre nur bei Bejahung einer biologischen Komponente der Schuldfähigkeit möglich gewesen." Harbort stellt differenziert dar, wie schwer sich erfahrene Gutachter getan haben, Kroll eine Schuld(un)fähigkeit zu attestieren. Harbort hat ein Buch geschrieben, das man ambivalent erlebt. Es weckt eine gewisse Faszination gegenüber dem Anormalen. Es macht einen sehr, sehr nachdenklich. So ist es für den psychiatrisch Pflegenden sicher eine Gelegenheit zur Selbstreflexion. Gesellschaftlich legt es den Finger in offene Wunden."


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