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Rezensionen

"Ich musste sie kaputtmachen"

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www.sublevel12.de, 2004

Abgrund im Kopf...


Was geht vor im Kopf eines Serienmörders? Und wie wird er überhaupt zu dem, was er ist: einer menschlichen Bestie?

Diese Frage beschäftigt nicht nur die Phantasie von Bestsellerautoren sondern auch diejenigen, die solche Täter jagen. Stephan Harbort legt mit "Ich musste sie kaputt machen" nun sein drittes Sachbuch zu diesem Thema vor. Im Gegensatz zu den beiden Vorgängern "Das Hannibal Syndrom" und "Mörderisches Profil" gilt sein Hauptaugenmerk diesmal nur einem einzigen Täter. Joachim Kroll, ein unauffälliger und zurückgezogener Einzelgänger ermordete im Ruhrgebiet über mehr als zwanzig Jahre hinweg mehrere Frauen und Kinder. Verhaftet wurde er erst im Jahre 1976, nachdem er die Tochter eines Nachbarn getötet hatte. Den Polizeibeamten bot sich beim Betreten von Krolls Wohnung ein Bild des Grauens, denn der Täter hatte sein Opfer in Stücke zerlegt, um es zu verspeisen und teilweise durch die Toilette zu spülen.

Harbort nimmt sich für seine Schilderung die Freiheit, die Ereignisse um die Morde in einer halbdokumentarischen Erzählform zu schildern, die der eines Romans ähnelt. Allerdings hat er sich nicht die Perspektive des Ermittlers, sondern die des Täters zu Eigen gemacht. Kroll wächst auf als eines von sieben Kindern, wird von Eltern und Geschwistern nicht für voll genommen und ist selbst in der eigenen Familie eher ein unerwünschtes Ärgernis. Freunde zu finden fällt ihm schwer und erst Recht Beziehungen zu Frauen aufzubauen. Krolls sexuelle Abnormität nimmt ihren Lauf.

Harbort deutet mit der ausführlichen Schilderung von Krolls Biographie an, dass sich dessen Leben unter milderen Umständen komplett anders entwickelt haben könnte. Durch die Wahl der Täterperspektive gelingt es ihm, auch den Leser in eine bestimmte Rolle zu zwingen. Der identifiziert sich nämlich ganz unwillkürlich mit Kroll, der nach seinen Taten in ständiger Angst vor der Polizei lebt - besonders da er als Jugendlicher miterlebt hat, wie Polizisten einen verdächtigen zu Tode geprügelt haben. An gewissen Punkten des Buches bangt man tatsächlich auf absurde Weise mit dem Täter der seine Entdeckung fürchtet und keinen Gedanken, geschweige denn Mitleid an seine Opfer verschwendet - und fühlt sich vom Autor ertappt.

Letztendlich geht es Harbort natürlich um die Frage, wie mit Serientätern wie Kroll zu verfahren ist. Dürfen sie wie normale Kriminelle behandelt werden oder sind sie tatsächlich kranke Menschen, denen geholfen werden müsste? Eine brandheiße Diskussion, die nicht zuletzt durch aktuelle Ereignisse immer wieder angefacht wird.

Wer sich für reale Kriminalfälle, sowie für die polizeiliche Ermittlungsarbeit interessiert, für den ist Harborts Buch auf jeden Fall eine Empfehlung. Für Fans von Thrillern ist es eine nachdenklich machende Lektüre, denn sowohl Opfer als auch Täter sind reale Menschen, ihre Schicksale authentisch.

Mir persönlich ist die Spannung, die man beim Lesen einer solchen "True Crime"-Dokumentation empfindet zumindest immer etwas unheimlich. Harborts "Ich musste sie kaputt machen" - ein Blick in einen Abgrund, der in manchen Köpfen lauern könnte.


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