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Mörderisches Profil

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3sat, nano

Serienmörder zwischen Mythos und Realität


Seit sieben Jahren beschäftigt der Kriminaloberkommissar und Verhaltenswissenschaftler Stephan Harbort sich mit dem Phänomen Serienmord und recherchierte in den Ermittlungsakten von sämtlichen verurteilten Serientätern in Deutschland. In unzähligen Interviews mit Serienmördern hat Harbort sich auch direkt von den Tätern, ihrer Geschichte und Motivation ein Bild gemacht. Die Ergebnisse sind in seinem zweiten Buch "Das Hannibal-Syndrom" nachzulesen.

Bis auf die Schriften der Verhaltenswissenschaftlichen Arbeitseinheit des amerikanischen FBI sind gut recherchierte wissenschaftliche Untersuchungen zu dem Thema kaum zu finden. Doch Harbort wiederholt in seinem Buch nicht die vielfach zitierten Vorurteile zu Serienmördern, sondern stellt diesen Fakten entgegen. So handelt es sich weder um ein amerikanisches Phänomen, noch sind die Täter überdurchschnittlich intelligent, noch lässt sich ein eindeutiges Täterprofil erstellen.

Statt dessen ist Harborts Prototyp ledig oder geschieden, kinderlos und verfügt meist über ein geringes Bildungsniveau. Er ist ein sozialer Außenseiter, labil, schnell zu kränken und hat ein egozentrisches Grundmuster.

Von Einfach-Mördern unterscheiden sich Serienmörder in dreifacher Hinsicht: Zum einen leiden letztere unter krankhaften Persönlichkeitsstörungen, sie sind sadistisch veranlagt und besitzen ein ausgeprägtes Machtstreben. Als dritten Tätertyp gibt es den sogenannten asozialen Notzüchter. Ihm geht es tatsächlich darum, sein Opfer sexuell zu missbrauchen. Er tötet, weil er lästige Zeugen beseitigen will.

Ein weiteres wichtiges Kriterium zur Erstellung eines Täterprofils ist die Erkenntnis, dass fast die Hälfte aller Serienkiller nach einer Art innerem Drehbuch vorgehen und den geplanten Mord bereits zuvor in allen Einzelheiten vorphantasieren. Solch eine persönliche Signatur muss der Ermittler von den pragmatischen Entscheidungen des Täters unterscheiden.

So kann das Zerschneiden des Telefonkabels als pragmatische Entscheidung gewertet werden, die das Opfer daran hindern soll, die Polizei zu verständigen. Dass das Opfer während der Tat Reizwäsche trägt, ist hingegen eine vorphantasierte Tat, da der Täter dieses Utensil selbst mitgebracht hat. Harbot diagnostiziert: "Darauf kam es ihm an, das war der Kick der Thrill, hier wird ein persönliches Bedürfnis deutlich, also ein Aspekt der Signatur."

Harborts wissenschaftliche Erkenntnisse und die entwickelten Kriterien für ein weltweit einzigartiges empirisches Täterprofil könnten in der Zukunft schon im Vorfeld mögliche Serientäter erkennen und so spätere Morde verhindern. Denn die meisten Serienkiller zeigen schon vor ihrem ersten Mord durch andere Straftaten ihr späteres Gewaltpotenzial.

Und auch wenn Harbot in seinem Buch mit all den kursierenden Vorurteilen aufräumen möchte, so wird schließlich auch von ihm ein gängiges Vorurteil bestätigt: Fast immer sind es frühkindliche Gewalterfahrungen, die irgendwann dazu führen, dass diese Menschen die letzte Schwelle überschreiten und zu Mördern werden.


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