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Mörderisches Profil

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3sat - Kulturzeit, 25.10.02

Die Handschrift des Mörders


In den USA war die wochenlange Jagd nach dem unheimlichen Sniper von Washington offenbar erfolgreich. Ermittler identifizierten ein sichergestelltes Gewehr als die Tatwaffe. Ein 41-jähriger ehemaliger US-Soldat und sein 17-jähriger Stiefsohn wurden festgenommen. Washington atmet auf, aber das Phänomen Serienkiller gibt nicht nur der Polizei immer noch Rätsel auf.

Sie sind todbringend und terrorisieren aus dem Hinterhalt: Heckenschützen. Der Täter von Washington ermordete zehn Menschen, bevor ein Fahndungserfolg gelang. Das Tatmotiv bleibt bislang ungeklärt.Die scheinbare Willkür in der Auswahl der Opfer ist es, die Serienmörder zu Schrecken einer breiten Öffentlichkeit werden lässt. Jeden kann es treffen, an jedem Ort und zu jeder Zeit. Letztendlich steckt aber doch hinter jeder Serientat ein wiederkehrendes Muster. Dieses bildet die Grundlage des so genannten "Profiling". Ermittler der Polizei versuchen, das Prinzip hinter den einzelnen Taten zu entdecken und dann Rückschlüsse auf den Täter, seine Psyche, seine Lebensumstände und seine Vorgehensweise zu ziehen. Stephan Harbort, selbst "Profiling-Spezialist", stellt in seinem Buch "Mörderisches Profile" speziell auf Serienmörder zugeschnittene Fahndungsmethoden vor. Einige davon wurden von ihm selbst entwickelt.

Harbort glaubt zwar nicht, dass es den idealtypischen Serientäter gibt, hat aber in drei viertel der von ihm untersuchten Fälle Ähnlichkeiten festgestellt. Die Täter seien zwischen 20 und 25 Jahre alt, ledig oder geschieden, soziale Einzelgänger sowie Berufs- und Schulversager. Die meisten Serienmörder suchten den Kick darin, als Herr über Leben und Tod aufzutreten. Für Täter wie den Heckenschützen von Washington spielt das Opfer dabei eine untergeordnete Rolle. "Ich bin Gott", lautete die Botschaft des Snipers.

Mord wird zum Lebensinhalt

Machtphantasien, Sadismus, die Suche nach dem nächsten Opfer: Mord wird zum Lebensinhalt. Der Täter entwickelt feste Rituale. Harbort schreibt über einzelne Fälle:

"In der Folgezeit begnügte er sich damit, in Gedanken zu morden. Sein Tagebuch und die Fotos der Opfer halfen ihm dabei. Nach der x-ten Wiederholung verloren diese Horrorfilme ihren Reiz. Nach und nach. Er legte als neues 'Jagdgebiet' das Neubaugebiet in der Oststadt von Neubrandenburg fest. Dort war er noch nicht gewesen. Das Risiko erschien ihm gering. Er konzentrierte sich auf mehrgeschossige Neubauten. Dort fand er ideale Voraussetzungen: Vorder- und Hintereingang, Kellertüren fast nie verschlossen. Regelmäßig schlich er durch die Straßenschluchten. Doch kein Junge wollte ihm in die Arme laufen. Bis zum 7. Februar 1984. Er tötete einen 7-Jährigen, im Keller des eigenen Wohnhauses - nach bewährtem Muster. Der Junge sollte nicht sein letztes Opfer bleiben."

Nicht jeder Täter lässt seine Handschrift erkennen. Harbort geht davon aus, dass zum Beispiel in Deutschland noch mindestens fünf Serienmörder auf freiem Fuß sind. Unter den verurteilten Tätern hat er verschiedene Typen kenngelernt: Solche, die gar nicht über ihre Taten reden konnten oder wollten, und solche, denen es ein großer Spaß zu sein schien, minutiös alles über ihre Verbrechen zu erzählen.

Harbort untersucht in seinem Buch auch, inwiefern Gewaltdarstellungen in den Medien diese Verbrechen provozieren, und er thematisiert die Voraussetzungen unter denen Täter resozialisiert werden können - nicht nur angesichts der Berichterstattung über den "Sniper von Washington" eine höchst aktuelle Debatte.


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