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Das Serienmörder-Prinzip

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Hessischer Rundfunk - Hauptsache Kultur, 5.9.2006, 22:15 Uhr

Serienmördern auf der Spur: Stephan Harbort

Der Mord an der Schülerin Anna S. aus Kassel ist offenbar aufgeklärt: Die Polizei hat in Haiger einen Fernfahrer festgenommen, er legte ein Geständnis ab. Der Mann soll insgesamt drei Frauen umgebracht haben. Was macht einen Menschen zum Mörder? Dieser Frage geht der Serienmord-Experte Stephan Harbort auf den Grund.

Der Kriminalist Stephan Harbort forscht seit über 15 Jahren über das Phänomen Serienmörder. Gerade hat er ein Buch darüber veröffentlicht. So unterschiedlich die Täter auch sein mögen, meint er, etwas gibt es, das sie alle gemeinsam haben: kein Mitleid mit dem Opfer, keine Empathie.

Stephan Harbort: "Das wesentliche Merkmal eines Serienmörders ist die fehlende Empathie. D.h., dass er in der Lage ist, die Schmerzen und all das, was dem Opfer widerfährt, eben nicht als negativ belastendes Gefühl zu empfinden, sondern dass es ihm sogar Spaß macht, dem Opfer Schmerzen und Leiden zuzufügen."

Tausende Seiten Gerichtsakten hat Stephan Harbort gelesen, Vernehmungsprotokolle studiert und psychiatrischen Gutachten gelesen. Immer wieder entdeckte er Gemeinsamkeiten: "Nicht wenige Täter begehen ihre Taten nach einem vorgefassten Script, d.h. sie verwirklichen bestimmte Gewaltfantasien, und man muss es sich so vorstellen, dass diese Täter dann eine Art emotionalen Rausch erleben, und auf diese Art und Weise gelingt es den Tätern, eben Gefühle für das Opfer an sich auszuschalten."

Forschungsthema mit großer emotionaler Belastung

Stephan Harbort ging in seiner Recherchearbeit noch weiter. Er hat mit den Serienmördern Kontakt aufgenommen. Zunächst schriftlich. Dann traf er sie persönlich. Mehr als 50. Eine große emotionale Belastung für den Kriminalbeamten. Er musste Unvorstellbares, Grauenhaftes hören. Besonders schockierend deswegen, weil die Serienmörder ihre Taten so gefühllos darstellen. Die Morde beschreiben sie technisch. In ihren Opfer sehen sie nicht Menschen, sondern nur Objekte. Und: während des persönlichen Treffens ist da immer diese leise Unsicherheit. Er spricht mit Mördern. Manche sind Psychopathen. Sie sind hinter Gittern, aber viele bleiben gefährlich.

Stephan Harbort: "Ich erinnere mich an ein Gespräch, das sechs Stunden gedauert hat, und dieser Mensch hat mich dermaßen in Atem gehalten, dass ich während dieser langen Zeit nicht ein einziges Mal zur Toilette gegangen bin, weil ich sonst das Gefühl bekommen hätte, nicht mehr die Situation unter Kontrolle zu haben. Der Mann ist in regelmäßigen Abständen aufgesprungen, hat dann meinen Kugelschreiber genommen und fast schon geschrien, den nehm ich und stoße ihn ihr ins Gehirn."

"Der Versager ist tot, es lebe der Mörder!"

Was Marco M. aus Hessen dazu trieb in Serie zu morden, ist noch nicht geklärt. Es kann sehr lange dauern, hinter die Motive von Serientätern zu kommen. Woher kommt dieser unwiderstehliche Drang zu töten - Serienmörder lassen sich nicht kategorisieren. Und doch entdeckt Stephan Harbort immer wieder Gemeinsamkeiten. Die meisten Serienmörder erleben sich demnach als unentschlossen, als Menschen ohne eigene Positionen, die nichts auf die Reihe kriegen. Sie flüchten sich in Fantasien, in Gewaltfantasien flüchten und irgendwann explodieren sie.

Stephan Harbort: "Der Versager ist tot, es lebe der Mörder. Zum anderen erleben diese Täter eine enorme Machtposition und das passt sehr schön zu ihrem Persönlichkeitsprofil, weil sie durch die Tat selber endlich so eine Postion ausfüllen dürfen, die sie aus ihrem realen Leben her gar nicht kennen."

Was zwingt Menschen zum Bösen, fragt Stephan Harbort. DIE Antwort gibt es nicht. Aber er gibt uns tiefe Einblicke in abnorme menschliche Seelen. Die rücken uns sehr nahe.

Bericht: Anke Schnackenberg

Der Autor
Der Kriminologe Stephan Harbort von der Kripo Düsseldorf untersuchte in mehrjähriger Arbeit sämtliche bekannte Mordserien in Deutschland seit 1945. Darauf aufbauend entwickelte er das theoretische Modell des sogenannten "Ideal-Mörders", mit dem sich der Kreis potentieller Verdächtiger eingrenzen lässt. Mit einer Erfolgsquote von 81,8 Prozent sorgt das Modell europaweit für Aufsehen.


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